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Der Blutdruck steigt auf 180, der Zucker eines Diabetespatienten entgleist, eine Herzinsuffizienz tritt auf – geschieht dies abends oder am Wochenende, weisen Notärzte hochbetagte Pflegeheimbewohner vorsichtshalber gerne mal ins Krankenhaus ein. Seit dem 1. Juli 2014 läuft in Westfalen-Lippe ein Modellprojekt der gesetzlichen Krankenkassen und der Kassenärztlichen Vereinigung, was unnötige Krankenhauseinweisungen vermeiden und die medizinische Versorgung von Pflegeheimbewohnern deutlich verbessern will.

Am Anfang des Projektes stand eine Analyse des Handlungsbedarfs, berichtet Dr. Thomas Huth, Geschäftsführer des mehr als 70 Mediziner und zwei Krankenhäuser umfassenden Gesundheitsnetzes Unna. Die Medikamentenversorgung, die Absprache zwischen Haus- und Fachärzten, die Regelmäßigkeit der Heimbesuche, insbesondere bei Hochrisikopatienten zum Wochenende hin und das Entlassungsmanagement von Krankenhäusern waren verbesserungsbedürftig. Durch den Versorgungsvertrag für Westfalen-Lippe wurde beispielsweise in Unna folgendes verbessert: Von 18 bis 22 Uhr gibt es einen ärztlichen Bereitschaftsdienst für gesetzlich versicherte Pflegeheimbewohner, auch an Wochenenden und Feiertagen. Pflegekräfte können bei Problemen oder akuten Verschlechterungen des Gesundheitszustandes einen Arzt aus dem Netzwerk anrufen. Auch während der Sprechzeiten können die Heime die Ärzte gut erreichen: Damit sie nicht minutenlang in Warteschleifen hängen, wurde vereinbart, dass sie sich per Fax oder Mail melden, der Mediziner ruft schnell zurück oder fährt gleich ins Heim. „Von den Pflegeheimen hören wir, dass ihnen nichts Besseres passieren konnte. Sie kriegen jetzt einen Arzt an die Strippe und klare Anweisungen“ sagt Dr. Huth.

Verhandlungen mit Krankenkassen, Krankenhausvertretern und der Kassenärztlichen Vereinigung gingen voraus, Informationsveranstaltungen in Pflegeheimen und das Werben um weitere Ärzte für das Netzwerk. „Wir werden nicht reich dabei, aber unsere Unkosten sind gedeckt und für das Netzwerk bleibt etwas übrig“, sagt Huth. Das Gesundheitsnetz Unna versorgt mehr als 1.200 Patienten in 15 Pflegeheimen, drei weitere stehen kurz davor, den Vertrag zu unterschreiben. Huth ist überzeugt, dass das Modellprojekt des Gemeinsamen Landesgremiums für eine sektorenübergreifende Zusammenarbeit im Gesundheitssystem in Nordrhein-Westfalen erfolgreich sein wird. Auch deshalb, weil es Hochbetagten unnötige Krankenhauseinweisungen erspart. „Sie sind zum Teil völlig durcheinander“, sagt Huth, „außerdem kosten zwei Tage im Krankenhaus mit je einem Transport hin und zurück rund 4.000 Euro“.

Auch Christopher Schneider von der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe nennt den bundesweit wohl einmaligen einheitlichen Flächenvertrag in den fünf Regionen Bünde, Lippe, Marl, Münster und Unna eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität der Patienten in Pflegeheimen. „Vorher hatten die Krankenkassen eigene Verträge mit Heimen und Ärztenetzwerken, das war sehr unübersichtlich.“ Jedem der fünf Netzwerke steht zudem eine Entlastende Versorgungsassistentin (EVA) zur Verfügung. Sie kann zum Beispiel über Sturzprävention beraten, in Absprache mit dem Arzt Verbandswechsel vornehmen, Behandlungstermine koordinieren und so für Entlastung sorgen. Susanne Schmidt-Lüer