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Museum Angewandte Kunst präsentiert die Mainmetropole im Bauhaus-Jubiläumsjahr als Zentrum der Avantgarde

Gilt das Bauhaus als Akademie der Moderne, dann kann das Neue Frankfurt für sich beanspruchen, die Werkstatt der Moderne gewesen zu sein. Noch bis 14. April zeigt das Museum Angewandte Kunst in der breit angelegten Ausstellung „Moderne am Main 1919-1933“, dass in keiner anderen deutschen Stadt der Geist der Moderne auf so vielen Ebenen wirkte wie in der Mainmetropole. Über 500 Exponate, davon mehr als die Hälfte Leihgaben, lassen ein dichtes und vielschichtiges Bild des Neuen Frankfurt entstehen.

Bereits bevor das groß angelegte Siedlungsbauprogramm von Stadtbaurat Ernst May, etwa mit Römerstadt oder Zick-Zack-Hausen, ab 1925 Fahrt aufnahm, hatte der damalige Wirtschaftsdezernent und spätere Oberbürgermeister Ludwig Landmann mit der Wiederbelebung der Messe 1919 und Etablierung der kommunalen Kunstschule die Modernisierung der Stadt auf den Weg gebracht. Der von ihm später geprägte Begriff Neues Frankfurt stand aber nicht allein für eine ästhetisch-gestalterische Erneuerung. Vielmehr ging es Landmann um Demokratisierung und Verbesserung der Lebensverhältnisse in der Stadt, für deren Umsetzung er systematisch moderne Kräfte an den Main holte. Sie entwickelten zusammen mit Unternehmen, Wissenschaftlern, Künstlern und aufgeschlossenen Bürgern ein dichtes Netzwerk informeller Strukturen, die Innovationen in unterschiedlichsten Bereichen vorantrieben. Dabei bildete die Einheit von universalem Gestaltungsanspruch und sozialem Engagement das Charakteristische der hiesigen Entwicklung, die auch vielen Frauen bis dato unbekannte Entfaltungsmöglichkeiten bot ‒ etwa der Architektin Margarete Schütte-Lihotzky, den Fotografinnen Elisabeth Hase, Marta Hoepffner, Ilse Bing, Gisèle Freund oder der Filmerin Ella Bergmann-Michel.

Die Ausstellung präsentiert nicht nur die Frankfurter Küche oder die Schrift Futura, die als Ikonen der Moderne gelten, sondern auch Experimente mit den damals neuen Medien: das erste, 1924 von Radio Frankfurt ausgestrahlte Hörspiel „Zauberei auf dem Sender“, Experimentalfilme von Oskar Fischinger oder Kompositionen für das elektronische Trautonium von Paul Hindemith. Einer der sieben Themenbereiche widmet sich Designobjekten des Neuen Frankfurt: Möbeln von Ferdinand Kramer, Martin Elsaesser oder Fritz Schuster sowie Leuchten von Christian Dell. Dabei wird deutlich, dass in Frankfurt „Dinge für das Menschenmaß“ entstanden, wie es der niederländische Architekt Mart Stam damals formulierte.

Die Kuratoren spüren der umfassenden Neugestaltung der Stadt über die systematische Siedlungs- und Grünplanung hinaus bis hin zur Reklame- und Friedhofsordnung nach. Ging doch das Neue Frankfurt davon aus, durch die gestaltete Umwelt das Zusammenleben der Menschen zum Wohle aller verbessern zu können. Diesem fortschrittsgläubigen und sozialutopischen Modernisierungsprozess bereitete der Nationalsozialismus 1933 ein abruptes Ende.Die Ausstellung ist dienstags sowie donnerstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr und mittwochs von 10 bis 20 Uhr zu sehen. Ein umfangreiches Begleitprogramm ist unter www.museumangewandtekunst.de abrufbar. Der 304-seitige Katalog kostet im Museum 29 Euro, im Buchhandel 39 Euro.

Jutta Zwilling