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Demografiekongress in Frankfurt berät über Digitalisierung

„Wir brauchen Menschen, die Probleme lösen“, sagt Prof. Dr. Martina Klärle, Vizepräsidentin der Frankfurt University of Applied Sciences (FUAS). An der FUAS habe man dazu ein fächerübergreifendes Forschungszentrum eingerichtet, dass sich mit dem Thema Zukunft des Alterns (Future Aging) wissenschaftlich auseinandersetzt, um einen besseren Austausch zwischen Forschung und Praxis herzustellen. Ein Ergebnis der gemeinsamen Forschung sei, so Martina Klärle,  ein Armband, das Pflegekräfte während ihrer Tätigkeit trügen. Das Band könne qua künstlicher Intelligenz erkennen, ob der zu Pflegende gerade gekämmt, gefüttert oder etwa gewaschen würde. Die dafür verwendete Zeit würde elektronisch in der Patientenakte erfasst und für die Pflegekraft entfiele die lästige, zeitaufwändige Dokumentation. Wie man die dadurch gewonnene Zeit nutze, das komme allerdings auf den gesellschaftlichen Diskurs an: zum Wohle des Patienten, oder als eingesparte Zeit für die doppelte Anzahl an zu Pflegenden? Auf dem 9. Demografiekongress, veranstaltet vom Demografienetzwerk Frankfurt Rhein- Main in der IHK-Frankfurt, ging  es um die Fachkräfte von morgen. Über 300 Vertreter von Unternehmen aus der Region beteiligten sich am Denkprozess.

IHK-Präsident Prof. Dr. Mathias Müller ist es nicht Bange bei dem Gedanken, wie sich Industrie und Handel auf die Digitalisierung einstellen. Die Tätigkeitsprofile veränderten sich zwar rasant, aber lebenslanges Lernen gehöre nun mal dazu. Als Beispiel nannte er Adidas. Vor sechs Jahren habe das Unternehmen noch Schuhmacher eingestellt, jetzt könne es aus 1,4 Millionen Bewerbern, die beim Hersteller unaufgefordert eingingen, „Designvorausdenker“ anwerben. Diese müssten sich solche Dinge vorstellen können, wie Schuhe aus dem 3-D-Drucker zu produzieren, deren Material aus dem abgefischten Plastikmüll der Weltmeere komme  und zu einem erschwinglichen Preis verkauft werden könnten. Müller hat dabei durchaus auch ältere Arbeitnehmer im Blick. Er vertraut auf das Sprichwort: „Die Jungen sind schneller, doch die Alten kennen die Abkürzung.“

Dr. Julia Borggräfe Abteilungsleiterin im Bundesministerium für Arbeit und Soziales betonte, dass es aus ihrer Sicht um „menschenzentrierte Aus- und Weiterbildung auf allen Ebene“ gehe, wenn man dem Fachkräftemangel abhelfen wolle. Sie glaubt, dass „Zusammenarbeit die neue Führung“ ist. Dr. Sebastian Harrer, Head of HR der ING Deutschland, sucht digital affine Problemlöser im eigenen Unternehmen und möchte unbedingt auch zugewanderte Talente nutzen. Dr. Klärle ergänzte: „Auch, wenn diese kein 100prozentiges Deutsch sprechen können“.

Der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar sagte: „Wir sind Produkt des Wandels.“ Als Beispiel zeigte er ein Smartphone von 2019 auf dem so viel Speicherplatz vorhanden ist, wie in einem komplett mit Computern ausgestatteten Raum  aus dem Jahr 1983. „Jeder sendet heute Daten in die Welt“, weiß der in Luxemburg lebende Yogeshwar. „Aus den Massenmedien ist ein Medium der Massen geworden.“ Selbst in Indien könne man bereits eine Rikscha per App bestellen. Dinge, die im Alltag nervten, könnten durch Digitalisierung verändert werden – und zwar auf der ganzen Welt. „Es gibt gute Gründe, Prozesse zu verändern“, aber es sei Aufklärung nötig, was hinter allem steht. Unternehmen wie Google, Amazon und Co. könnten anhand der Nutzerdaten Profile erstellen und Bedürfnisse wecken, von denen der Kunde noch gar nicht wisse, dass er sie hat. „Man muss damit umgehen lernen.“ Und in Deutschland, so ist er sich sicher, könne man sogar besser als in China und den USA sein: „Wir haben richtig gute Leute, aber wir brauchen eine andere Haltung zu den Dingen.“ Sein Fazit: Man kann die Gegenwart gestalten, muss sich aber darüber im Klaren sein, wie man leben will.

Ranga Yogeshwar glaubt fest an das Zitat Pablo Picassos: „Das ist das Wesenhafte des modernen Menschen, der in aller Angst des Loslassens doch die Gnade des Gehaltenseins im Offenwerden neuer Möglichkeiten erfährt.“

jup