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Mobile Reha unterstützt Patienten direkt zuhause, doch bisher gibt es sie nur an wenigen Orten in Deutschland

Wie leicht ist doch alles im Krankenhaus: Die Schwester hilft beim Aufstehen  aus dem Bett, an der Toilette gibt es Haltegriffe, ein Aufzug verbindet die Stockwerke. Aber wie komme ich zuhause auf Krücken hoch ins Schlafzimmer? Wie steige ich in die Badewanne? In Bad Kreuznach gibt es seit 1992 eine Mobile Rehabilitation, die diese Fragen klärt, direkt bei den Patienten daheim.

Regina Andres ist die Ansprechpartnerin der zweitältesten Mobilen Rehabilitation in Deutschland: „Zuhause bilden Teppiche Stolperfallen, sind Stufen unüberwindbar, “ weiß sie aus jahrelanger Erfahrung. Das Team aus Reha-Pflegekräften und Physiotherapeutinnen, Logopädinnen, Ergotherapeuten, einem Sozialarbeiter und einem Arzt „sieht mit geschultem Auge, wo Sturzgefahr droht, ein Haltegriff oder ein Duschhocker fehlt.“ Informationen über Hilfsmittel und die Gestaltung des Wohnraums gehören zum Angebot. Es wird gerne angenommen, denn es beflügelt, nach dem Krankenhausaufenthalt wieder nach Hause zu kommen und nicht noch eine stationäre Reha aufsuchen zu müssen: „Zuhause will man wieder selbst die Kartoffeln schälen, möchte raus auf die Straße.“ Diesen Motivationsschub nutzt die Mobile Reha: „Wir bekommen ein tolles Feedback von unseren Patienten.“

Meist sind die Patienten jenseits der 70, Einzugsgebiet ist die Region Bad Kreuznach. Viele erlitten einen Schlaganfall oder Knochenbrüche, leiden an Schädel-Hirn-Traumen, neurologischen oder rheumatischen Erkrankungen. Um sie wieder fit zu machen, „üben wir vor allem die Verrichtungen im Alltag mit Gegenständen, die sich im Haushalt befinden. Außerdem organisieren wir Hilfsmittel und probieren siegemeinsam aus, “ sagt Andres. Dazu zählen Gehhilfen ebenso wie Rollstühle, Greifhilfen oder Badewannenlifter.

Die 35 Therapieeinheiten  der Mobilen Reha, für die die Krankenkassen die Kosten übernehmen, werden – je nach Zustand und Wünschen der Klienten – auf vier bis sechs Wochen verteilt. Die 15 Mitarbeiterinnen tauschen sich in regelmäßigen Teamgesprächen aus, auch darüber, ob sie den Patienten an niedergelassene Krankengymnasten weitervermitteln können oder ob sie die Verlängerung der Mobilen Reha beantragen sollten. „Allerdings stößt das wegen des bürokratischen Aufwands, den die Krankenkassen vorschreiben, zunehmend an Grenzen“, sagt Regina Andres. Sie engagiert sich im Vorstand der Bundesarbeitsgemeinschaft Mobile Reha, der zur Zeit 14 Einrichtungen angehören.

Warum es nur so wenige sind, obwohl Mobile Rehabilitation gut ankommt und preisgünstiger als stationäre Rehabilitation ist? Matthias Schmidt-Ohlemann, leitender Arzt des Rehabilitationszentrums Bethesda der Kreuznacher Diakonie und Vorsitzender der Deutschen Vereinigung für Rehabilitation sagt: „Für Ältere und Menschen mit Behinderungen ist stationäre Rehabilitation nicht immer geeignet.“ Gerade wenn ein Patient dauerhaft mit einer Beeinträchtigung leben und in den eigenen vier Wänden damit zurechtkommen muss, „ist die stationäre Rehabilitation nicht so nachhaltig wirksam“. Obwohl Mobile Rehabilitation also als „gute Idee“ anerkannt sei, scheuten die Krankenkassen lange Zeit die vermeintlich zusätzlichen Kosten. Die Kreuznacher Diakonie schloss bereits 1994 Verträge mit den Krankenkassen für ihre Mobile Rehabilitation ab. Andere  Einrichtungen Mobiler Rehabilitation mussten „ein, zwei Jahre lang kämpfen, bevor ihre Anträge genehmigt wurden“, sagt Schmidt-Ohlemann. Vielen fehlte der dafür nötige lange Atem, sie gaben ihren Plan auf.

Zwar ermöglichte eine Gesetzesänderung aus dem Jahr 2007 ambulante Reha durch Einrichtungen, Mobile Rehabilitation wurde aber nicht explizit erwähnt. Nun hofft Schmidt-Ohlemann auf Rückenwind: Im Dezember verabschiedete das Bundeskabinett den Gesetzesentwurf zur Stärkung der Versorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung. Darin wird die Mobile Rehabilitation erstmals ausdrücklich erwähnt.

Unter den 14 deutschen Einrichtungen mit Mobiler Reha befindet sich auch die mobile geriatrische Rehabilitation an der Asklepios-Paulinenklinik in Wiesbaden. Auch hier kommt das Team zu Wiesbadenern ins Haus, in die Kurzzeitpflege oder die Pflegeeinrichtung. Voraussetzungen sind beispielsweise erhebliche Einschränkungen der mentalen Funktionen der Patienten oder erhebliche Schädigungen des Sehens und des Hörens. Susanne Schmidt-Lüer