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Podiumsdiskussion zu Altersbildern heute

Wer früher seinen 60. Geburtstag feierte, fand sich fortan in der Kategorie „altes Eisen“ wieder. Heute wird man dagegen zum „Power-Ager“, „Best Ager“ oder „Golden Ager“ gekürt und von Werbeindustrie und Reiseanbietern hofiert. Ein Sprung vom Paria zur begehrten Klientel. „Das Altern wird alle paar Jahre neu erfunden und ändert sich dermaßen schnell, dass wir kaum hinterherkommen, es zu verstehen“, brachte der Psychologe Frank Oswald bei einer Podiumsdiskussion im Weltkulturen Museum die Entwicklung auf den Punkt. Begleitend zur Ausstellung „Grey is the new Pink – Momentaufnahmen des Alterns“ wurden hier die Potenziale und Herausforderungen im Alter beleuchtet. Zu ersteren zählt der Professor für Interdisziplinäre Alternswissenschaft an der Frankfurter Goethe-Universität den Zugewinn an Freiheiten und Gestaltungsmöglichkeiten. Der sei nicht zuletzt einer länger währenden körperlichen und geistigen Regsamkeit zu verdanken. So entdecke die Generation 60 plus derzeit etwa das gemeinschaftliche Wohnen, entstehe sogar eine „neue Kultur, das eigene Lebensende mitzugestalten“.

Die Wandlungsprozesse verlangten natürlich auch die Bereitschaft zu ständigem Lernen ab, stellte Frank Oswald klar. Wichtig sei es hierbei, der eigenen Persönlichkeit entsprechende Formen der Teilhabe, des Austauschs und der Begegnung zu finden. Wohnprojekte seien zum Beispiel nur für „ein bis zwei Prozent der Älteren eine Option“. Als „wirklich gefährlich“ stuft der Alternswissenschaftler die „emotionale Einsamkeit“ ein. Er wisse von Menschen, die „vier Mal jährlich ein EKG machen lassen, weil sie dadurch körperliche Berührung bekommen“. Mit Blick auf das Altern insgesamt kann Frank Oswald nur raten: „Üben Sie das Annehmen von Hilfe, solange Sie davon noch nicht abhängig sind“.

Blieb dies Älteren in anderen Kulturen bislang erspart, verzeichnet die Ethnologin Eva Raabe inzwischen auch dort einen Wandel. Die „intakten Familienverbände, die betagte Mitglieder mit Aufgaben einbinden und in jeder Hinsicht unterstützen“, begännen vor allem durch die Landflucht der Jüngeren vielerorts zu bröckeln. Dennoch bezeuge man den Älteren in der Regel weiterhin Achtung und Respekt. Eine Haltung, die die kommissarische Leiterin des Weltkulturen Museums in der hiesigen Gesellschaft vermisst. Es gebe zwar immer mehr Power Ager, doch seien nicht alle topfit und taugten als Zielgruppe für die Werbung. Zudem hänge hierzulande die Art und Weise des Alterns sehr stark von Bildung und Vermögen ab. Eva Raabe wünschte sich daher „mehr Unvoreingenommenheit“ und mahnte an: „Man muss allen alten Menschen das Gefühl geben, noch etwas Wert zu sein.“

Genau das trieb Nadia Qani um, als sie vor mehr als 25 Jahren in Frankfurt den ambulanten Dienst für kultursensible Pflege, AHP, gründete. „Rücksicht auf kulturelle und religiöse Prägungen Pflegebedürftiger zu nehmen war damals überhaupt kein Thema“, erinnert sich die aus Afghanistan geflüchtete 58-Jährige, der diese Pionierarbeit etliche Auszeichnungen, darunter auch das Bundesverdienstkreuz, bescherte. Wie sie bei der Diskussion im Rahmen der Aktionswoche „Altersbilder neu erleben“ unterstrich, komme die Ausrichtung des AHP Kultursensible Pflege aber nicht nur Menschen mit Migrationshintergrund zugute. „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter achten auf die individuellen Werte und Bedürfnisse aller Pflegebedürftigen.“ Zu Nadia Qanis Bedauern wird „die Pflege generell noch immer viel zu wenig wertgeschätzt“, ist ein diesbezügliches Umdenken mehr als überfällig. „Die Gesellschaft muss begreifen, dass wir alle alt und vielleicht auch krank und hilfsbedürftig werden.“

Dass die „Weltgesundheitsorganisation Maßnahmen gegen Altersdiskriminierung ganz oben auf ihre Agenda“ stellt, geschieht für die die Diskussion moderierende Altersforscherin Dörte Naumann nicht von ungefähr. „Das Thema treibt alle an, denn es geht darum, den demografischen Wandel produktiv zu gestalten.“ Dies hält die Professorin für Soziale Gerontologie an der Hochschule Darmstadt für umso wichtiger, als „ungleiche Lebenschancen im Alter verstärkt zum Tragen“ kommen. „Nicht alle Menschen haben das Glück, das Leben zu führen, das sie führen möchten.“

Doris Stickler