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SZ-Interview mit dem Gerontopsychiater Dr. Reinhard Lindner, Koordinator der Arbeitsgruppe Alte Menschen im Nationalen Suizidpräventionsprogramm

SZ: Herr Dr. Lindner, warum scheiden so viele ältere Menschen durch Suizid aus dem Leben?

Reinhard Lindner: Das hat verschiedene Gründe. Das Alter wird häufig damit in Verbindung gebracht, dass man versagt, dass die Dinge nicht mehr so gut laufen, dass man nicht mehr so viel wert ist, wie man das vielleicht als jüngerer, erwerbstätiger Mensch gewesen ist.

SZ: Es hängt also stark davon ab, wie eine Gesellschaft insgesamt das Alter sieht?

Ja. Es gibt Kulturen, in denen die Suizidraten Älterer nicht so hoch sind, wie in unserer westlichen Kultur. Hierzulande muss das öffentliche Gespräch über das Alter und über Lebensmüdigkeit dringend geführt werden und zwar aus einer kulturellen, religiösen, wirtschaftlichen, medizinischen, sozialen bis hin zur politischen Perspektive. Damit würde es normaler, über das Alter und seine Hintergründe zu reden und Lösungen zu entwickeln.

SZ: Was muss denn sozial- und gesundheitspolitisch geschehen, damit Suizidprävention für Ältere greift?

Zentral wäre ein gesellschaftliches Bekenntnis zur Suizidprävention, beispielsweise eine Resolution des Deutschen Bundestages zur Förderung von Suizidprävention. Dies hätte Folgen für Ministerien, Länder und Kommunen. In Deutschland gibt es einen massiven Nachholbedarf. Andere Länder wie Finnland, Großbritannien oder die USA haben finanziell unterstützte Nationale Suizidpräventionsprogramme. Die Suizidraten können durch solche Aktivitäten gesenkt werden, das ist belegt.

SZ: Zum negativen Bild vom Alter treten bei Menschen, die suizidgefährdet sind, oftmals psychische Erkrankungen wie Depressionen. Gibt es Behandlungsmöglichkeiten im Alter?

50 bis 60 Prozent der Menschen, die sich im Alter suizidieren, sind als depressiv einzustufen. Das heißt auch, es ist nicht immer so, dass bei Suizidgedanken sofort eine Depression vorliegt. Es gibt verschiedene Möglichkeiten der Behandlung: in erster Linie die Psychotherapie, aber auch die Pharmakotherapie. Beides ist im Alter nachgewiesenermaßen wirksam. In Deutschland kommen Ältere noch viel zu wenig in Psychotherapie. Das ist auch europaweit so. Es besteht ein großer Bedarf für die Qualifikation von Psychotherapeuten in Bezug auf die Behandlung Älterer.

SZ: Kann es sein, dass bei Hochbetagten, die im Nationalsozialismus mit Euthanasieprogrammen für Menschen mit psychischen Erkrankungen aufwuchsen, eine große Scheu besteht, sich dem Thema Psychotherapie überhaupt zuzuwenden?

Sie sagen es. Gerade die hochbetagten Menschen haben häufig noch die Vorstellung, dass man psychische Probleme verschweigen muss, damit nicht größere Probleme entstehen bis hin zu Befürchtungen, dass der Arzt sich als mörderisch erweisen könnte, weil das im Faschismus so war. Aber es gibt auch andere Hinderungsgründe, wie das Gefühl, dass familiäre Probleme nur in der Familie besprochen werden, Eheprobleme vollständig verschwiegen werden müssen und sexuelle Probleme gar nicht thematisiert werden. Da gibt es sehr viel Scham. Manche Ältere mit Mobilitätsproblemen wissen auch ganz praktisch nicht, wie sie in die dritte Etage zu einer gediegenen psychotherapeutischen Praxis hochkämen.

SZ: Sie müssten sich außerdem dem Hausarzt gegenüber öffnen, um einen Hinweis zu bekommen, dass eine Therapie das Richtige sein könnte.

Viele Ältere schätzen ihre Hausärzte und ihre Nervenärzte sehr und haben die Vorstellung, dass man sie mit suizidalen Gedanken nicht belasten darf. Das ist fatal, weil wir Ärzte dafür da sind, das Leiden und den Schrecken anderer zu erfassen und auszuhalten.

SZ: Was raten Sie Angehörigen Älterer, die teilnahmslos werden und sich selbst aufzugeben scheinen?

Der erste Schritt ist wahrzunehmen, dass sich etwas mit dem alten Menschen, den man schon so lange kennt, verändert. Im nächsten Schritt sollte man denjenigen darauf ansprechen. Etwa fragen: ‚ich merke, Dir geht es immer schlechter, was ist los, was beschäftigt Dich wirklich? ‘ Und schließlich geht es darum, sehr deutlich den Wunsch zu vermitteln, dass der alte Mensch sich Hilfe holt und dass es Hilfe gibt. Und zwar Hilfe, die über das Verschreiben eines Antidepressivums hinausgeht.

SZ: Welche wirkungsvollen Formen von Therapie für Ältere gibt es denn?

Bei Suizidalität gibt es Formen der Psychotherapie, die man einmal in der Woche wahrnehmen kann oder alle 14 Tage, aber durchaus über einen längeren Zeitraum und mit Regelmäßigkeit. Es ist eine bestimmte Art des Nachdenkens über das eigene Leben, über die Ideen von der eigenen Zukunft, die es nur in diesem Rahmen gibt. Bei Depressionen oder Suizidalität im Alter kann man auch für vier Wochen in eine Klinik gehen. Und es gibt sehr gute Angebote in Beratungsstellen. Leider werden gerade Beratungsstellen von Älteren noch viel zu wenig frequentiert. Aber dort können sie sich von geschulten Beratern in Krisen in einigen Sitzungen sehr gut Hilfe holen.

Interview: Susanne Schmidt-Lüer