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Tagung befasst sich mit Strategien zu Hilfemöglichkeiten und der Kritik von „effektiven Altruisten“ an vielen EntwicklungsprojektenSeit acht Jahren trägt Frankfurt nun schon den Titel Fair Trade-Town und wurde 2015 sogar als erste deutsche Metropole zur Hauptstadt des Fairen Handels gekürt. Während der Magistrat den Verkauf entsprechender Produkte fördert und unterstützt, kritisieren manche vehement das Fairtrade-Konzept. Wie etwa der vor knapp zehn Jahren in England aus der Taufe gehobene und überwiegend von jungen Menschen getragene „Effektive Altruismus“ (EA). Um dessen Positionen sowie andere „Möglichkeiten, die Welt zu verbessern“ zu beleuchten, lud die Steuerungsgruppe der Fairtrade-Stadt Frankfurt unter dem Titel „Effektiv helfen – aber wie?“ zu einer Diskussion.

In diesem Rahmen machte Daniel Berthold am Beispiel von unspektakulären Entwurmungskuren das Anliegen der effektiven Altruisten deutlich. Erhebungen würden belegen, dass Entwurmungskuren der Bildung von Kindern weit mehr dienen, als eine größere Zahl an Lehrern oder Bücher, denn: „Ohne Darmparasiten gehen die Kinder häufiger zur Schule und können konzentrierter lernen.“ Der EA finanziere daher Entwurmungskuren und nicht die Aufstockung von Personal oder Lehrmaterialien. Wie der Wirtschaftswissenschaftler betonte, werde stets geprüft, wie sinnvoll und nachhaltig Projekte sind, damit aus Spendengeldern und investierter Zeit das Optimum herausgeholt und eine Verschwendung von Hilferessourcen vermieden werden könne.

Durch „Wohlfahrtsoptimierung“ Hilfe effizienter machen

Seines Wissens lote nur der EA mittels einer Kosten-Nutzen-Rechnung die Effizienz von Hilfemaßnahmen aus. Die Beseitigung der Ursachen von Missständen werde hierbei ebenso unter die Lupe genommen wie deren Lösbarkeit und die Anzahl der Personen, denen die Hilfe zugute komme. Daniel Berthold räumte zwar ein, dass effektive Altruisten „nicht für jedes Problem eine Antwort oder Lösung“ haben. Sie achteten jedoch darauf, Spenden nur dort einzusetzen, wo sie tatsächlich etwas bewirkten. „Es geht um Wohlfahrtsoptimierung, um den bestmöglichen Einsatz finanzieller Ressourcen.“ Außerdem richte der EA wie im Fall der Entwurmungskuren das Augenmerk auf vernachlässigte Tätigkeitsfelder.

Dass die sich auch als Philosophie verstehende soziale Bewegung den „Focus auf Ursachen richtet, nicht moralisch argumentiert und objektive Maßstäbe entwickelt“, überzeugte auch Steffen Weber. „Ich war lange Fan des Effektiven Altruismus“, bekannte der Geschäftsführer des Weltladen-Dachverbands. Das Buch des EA-Mitbegründers William MacAskill „Gutes besser tun: Wie wir mit effektivem Altruismus die Welt verändern können“, habe ihn jedoch ernüchtert. „Fairtrade wird dort als wirkungsloses Instrument abgewatscht, eine 40 Jahre alte Bewegung einfach weggewischt und das Konzept des fairen Handels völlig verkürzt dargestellt.“ Bei der Diskussion in der Evangelischen Akademie räumte Steffen Weber mit den irreführenden Aussagen auf und stellte klar: „Es ist längst nachgewiesen, das Fairtrade in vielen Bereichen positives bewirkt.“

So böten Fairtrade-Organisationen dem vorherrschenden Handelssystem die Stirn, zahlten den Erzeugern gerechte Preise, sorgten für Bildung, soziale Standards und Umweltschutz. Das alles gewährleiste den Partnern „auf lange Sicht Stabilität und Sicherheit“. Dass der EA dennoch Motti wie „Kauft lieber Billigprodukte statt Fairtrade und spendet die Differenz an effektive Hilfsorganisationen“ in Umlauf bringt, sei ihm unbegreiflich. „Bei dieser Argumentation wird weder nach Ausbeutung, Kinderarbeit oder Produktionsbedingungen gefragt und übersehen, dass die Dinge sehr komplex sind“, wandte Steffen Weber ein. Abgesehen davon falle hierzulande niemand in Armut, wenn er Fairtrade kauft. Weil ihm die ethische Unbedenklichkeit wichtig ist, greift zwar auch Daniel Berthold zu Fairtrade-Produkten. Wenngleich er damit nicht die Ärmsten unterstütze – die Bauern seien bereits vergleichsweise gut gestellt – und viel Geld durch die Zertifizierung verloren gehe. Nichtsdestotrotz halte er das Konzept an sich für ineffektiv.

Solidarisches Handeln nicht „verbetriebswirtschaften“

Bei Katja Maurer von Medico International löst „allein der Begriff effektiv schon Bauchschmerzen“ aus. „Der EA ist ein völlig apolitischer Ansatz, der neoliberalen Grundgedanken folgt“, steht für sie fest. Er erstelle ein „Hilferanking“ das vergessen lässt: „Alle Menschen haben das gleiche Recht auf Hilfe“ und propagiere die „Verbetriebswirtschaftlichung von solidarischem Handeln“. Den Menschenrechten und der Dialektik der Aufklärung verpflichtet, versuche Medico International dagegen, in Vernetzung mit Partnern vor Ort die Strukturen zu verändern. Als Beispiel führte die Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit die „Internationale Kampagne für das Verbot von Landminen“ an, für die ihre Organsation 1997 den Friedensnobelpreis erhalten habe. Dadurch hätten etwa in Afghanistan viele Leute eine fundierte Ausbildung erhalten, Bauern wieder ihr Land bewirtschaften und die Bevölkerung heimische Produkte kaufen können.

Die Verbesserung der Lebensbedingungen begreift Katja Maurer als vielschichtigen Prozess, den man „im Vorfeld nicht berechnen und bemessen“ kann. Wenn sich Medico International für das Recht auf den Zugang zu medizinischer Versorgung engagiere, geschehe dies mit dem Wissen: „Zur Gesundheit tragen nicht nur Ärzte und Medikamente bei“. Ihr sei klar, dass Hilfe immer „auch Schattenseiten“ habe und unter Umständen Menschen davon abhalte, selbst zu handeln. Da gegenwärtig Familienangehörige, die in reichen Ländern arbeiten und Geld nachhause überweisen, am erfolgreichsten Not und Armut lindern, kommt Katja Maurer zu dem Schluss: „Die Grenzen zu öffnen und ihnen Jobs zu geben, wäre die beste Hilfe.“

Doris Stickler