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Das Historische Museum ehrt die Frankfurter Modeschöpferin Toni Schiesser mit einer Kabinettausstellung

Acht Stoffschichten vom Taft, über Tüll bis zum Chiffon geben dem Petticoat mit einem Saumumfang von 3,10 Meter des eleganten Cocktailkleides aus schwarz/weißer Tüllspitze mit Blütenmuster den opulenten Auftritt. Eine Industriellengattin ließ es sich für einen Empfang 1957 eigens anfertigen (siehe unten, Foto: Jutta Zwilling). Erst kürzlich konnte dieses Schneiderkunstwerk mit Hilfe der Freunde und Förderer des Historischen Museums Frankfurt für die Textiliensammlung des Hauses erworben werden. Jetzt steht es im Zentrum einer kleinen Ausstellung.

Noch bis zum 28. April 2019 ist im Historischen Museum „Frankfurter Spitzenarbeit. Mode von Toni Schiesser“ zu sehen. Neun Garderoben aus den Jahren 1957 bis 1989 nehmen die Besucher nicht nur mit auf eine Zeitreise in die Modegeschichte, sondern beeindrucken mit der handwerklichen Perfektion, für die der Name Schiesser stand.

Ihre außergewöhnliche kunsthandwerkliche wie geschäftliche Begabung hatte sich schon früh gezeigt: Das Frankfurter „Mädsche“, als Antonia (Toni) Anna Balzer 1906 geboren und in Bockenheim und im Gallus aufgewachsen, kleidete nicht nur seine Puppen ein, sondern tauschte die begehrten Kleidchen immer wieder gegen Stoffreste, um neue Kreationen schaffen zu können. Da die Eltern das Lehrgeld für die Ausbildung zur Schneiderin nicht aufzubringen vormochten, konnte sie ihren Meister erst mit 41 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg ablegen. Da hatte die Autodidaktin schon anderthalb Jahrzehnte ein kleines Modeatelier, zunächst in der Privatwohnung, erfolgreich geführt.

Nach der Währungsreform entwickelte sich der Familienbetrieb – Ehemann Willi kümmerte sich bis zu seinem Tod 1968 um das Kaufmännische, Tochter Anny Henninger präsentierte die Kleider als Mannequin und übernahm später die Geschäftsführung der Boutique – rasant. Mitte der 1970er Jahre hatte es Schiesser zu dem privaten Modeatelier in Deutschland mit dem höchsten Umsatz gebracht. Damals mussten die Kundinnen zwischen 4.000 und 6.000 Mark für ein Modell anlegen, das in den Ateliers mit bis zu 120 Mitarbeitern entstand.

Zwar ließ sich Schiesser von den Modeschauen in Paris inspirieren, meinte aber „mei Kundschaft deht mer des net abnemme“. Andererseits legte ihre Kundschaft großen Wert auf elegante Kleidung: „Meine Kunden tragen Jeans vielleicht mal im Garten“. Mit ihrer klassischen, eleganten, das Feminine betonenden, aber nie supermodischen Linie gewann sie nicht nur Adelige und Filmstars wie Margaret Prinzessin von Hessen und bei Rhein oder Caterina Valente als treue Kundinnen.

Caterina Valente beim Aufladen ihrer Bühnengarderobe 1955  (Foto: HMF Horst Ziegenfusz)

Sie schneiderte auch für die Eisläuferin Marika Kilius und die VDO-Erbin und Dressur-Olympiasiegerin Liselott Linsenhoff, die allein in einer Saison Kleider im Wert einer Eigentumswohnung bei Schiesser erstanden haben soll. Und auch Annemarie Neckermann kleidete sich – zu besonderen Anlässen –  nicht im Versandhandel ihres Gatten ein und hüllte sich stattdessen lieber in ein Schiesser-Modell.

Kostbarste Ätzspitzen, Seidenorganza, Chiffon, Tüll, Satin oder Stickereien waren die Stoffe, aus denen Toni Schiesser jahrzehntelang mit großem Raffinement Traumroben für die Damenwelt von Frankfurt bis Israel schneiderte. Das Unternehmen ging  vier Jahre nach ihrem Tod 1998 in Insolvenz (siehe auch SZ 4/2017, Seite 14).

Zur Ausstellung ist in der Reihe „Kabinettstück“ eine 46-seitige Broschüre erschienen. Neben der Kuratorin der Textilsammlung, Maren Christine Härtel, die hier über die Objekte Toni Schiessers in der Sammlung des Museums und die Genese der Ausstellung berichtet, erläutert die Co-Kuratorin der Ausstellung, Sabine Hock, die Biografie Schiessers und die Firmengeschichte des Modeateliers. Uta-Christiane Bergemann rückt in ihren Beiträgen Schiesser als Botschafterin der St. Gallener Spitzenproduktion in den Mittelpunkt und stellt im Katalog besondere Stücke der Modeschöpferin aus der Textilsammlung des Museums in Wort und Bild vor. Die Broschüre kostet im Museum fünf Euro.

Jutta Zwilling