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Der ehemalige Frankfurter Kulturdezernent Hilmar Hoffmann ist tot

Er war herausragend in vielerlei Beziehung: 1,91 Meter groß, weiße Löwenmähne, buschige Brauen wie ein Greifvogel, leuchtend blaue Augen. Er kämpfte für einen Kulturbegriff, der immer noch ein Versprechen ist: „Das Projekt ‚Kultur für alle‘ ist immer noch ein utopisches. Es ist noch längst nicht eingelöst und ich sage heute: ‚Kultur für alle‘ ist eine Prognose und keine Retrospektive. Das heißt, wir müssen, was mit den Steuergeldern aller aufgebracht wird, nämlich kulturelle Infrastruktur, allen Menschen zugänglich machen um ihrer selbst willen.“ So zitiert der Deutschlandfunk Hilmar Hoffmann im Nachruf. Am frühen Freitagabend ist der legendäre Frankfurter Kulturdezernent, dem die Stadt unter anderem das Museumsufer zu verdanken hat, im Alter von 92 Jahren gestorben. Laut einem Bericht der Bild-Zeitung brach er auf dem Weg zu einem Behandlungstermin auf dem Parkplatz des Elisabethen-Krankenhauses zusammen und konnte nicht mehr wiederbelebt werden.

Gebildet, elegant, voller Ideen und begnadet mit der Fähigkeit, Menschen zu überzeugen: Ein schönes Beispiel erzählt die Frankfurter Rundschau in ihrem Nachruf. 1,25 Millionen Euro sollte die Installation „Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch“ von Joseph Beuys kosten. Zu teuer sagte der damalige Oberbürgermeister Walter Wallmann zu Hoffmanns Ankaufplan für das Museum für Moderne Kunst. Um die CDU-Fraktion im Römer zu überzeugen, schlug Hoffmann vor, das Kunstwerk durch ein Drehkreuz abzusperren, nur wer 2,50 Euro einwarf, sollte nähertreten dürfen. Der Beuys kam nach Frankfurt, das Drehkreuz wurde nie installiert. Eine andere Zeitung schreibt, Hoffmann, der sich als 17-Jähriger zu den Fallschirmjägern meldete, in US-amerikanische Kriegsgefangenschaft genommen wurde und bei den Briten in Sachen Demokratie geschult wurde, habe in seiner Zeit in Oberhausen eigens ein Buch über Brieftauben verfasst, um die Herzen der Bergarbeiter zu gewinnen, deren Freizeitbeschäftigung das Taubenzüchten war. Nach seiner Zeit als Volkshochschulleiter sowie Kultur- und Sozialdezernent in Oberhausen, wo er unter anderem die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen begründete, kam Hilmar Hoffmann 1970 als Kulturdezernent in die Mainmetropole. Der Sozialdemokrat setzte durch, dass ein Jahr nach seinem Amtsantritt in Frankfurt das erste Kommunale Kino eröffnete, Vorbild für mehr als 150 Kinos in kommunaler Trägerschaft in ganz Deutschland. Der Filmhistoriker war bestrebt, den Film den anderen Künsten gleichzustellen. Nicht von ungefähr war das Deutsche Filmmuseum eines der ersten Häuser in der langen Perlenschnur des Museumsufers, das Hoffmann verwirklicht sehen wollte. In seinen Jahren als Frankfurter Kulturdezernent bis 1990 eröffneten 15 Museen am Mainufer, Hoffmann gründete aber auch die Spielstätte im Mousonturm, das Forum „Literatur im Römer“, förderte Stadtteilbibliotheken und Musikschulen. Als seine Nachfolgerin Linda Reisch das Kommunale Kino schließen lassen wollte, nutzte Hoffmann, inzwischen Präsident des Goethe-Instituts, seine Kontakte und seine Überzeugungskraft, um den Protest dagegen ins Rollen zu bringen.

Das von ihm so wertgeschätzte Gedächtnis der filmischen Bilder und Töne kam auch in seinem 2018 vorgelegten letzten Buch „Generation Hitlerjugend. Reflexionen über eine Verführung“ zum Einsatz. Filme aus der NS-Zeit sowie Schulbücher dienten Hoffmann als Quellen, um zu erklären, „warum Millionen junger Menschen dem Nazisystem anheimfielen“, wie er in einem Interview sagte. Erschrocken vom Erfolg der AfD setzte Hofmann mit seinem Buch darauf, die Lernfähigkeit der Deutschen aus der Vergangenheit zu fördern. Der international und national vielfach Ausgezeichnete, unter anderem mit der Goethe-Plakette des Landes Hessen und der Stadt Frankfurt, dem Großen Bundesverdienstkreuz mit Stern, der Wilhelm-Leuschner-Medaille und dem Hessischen Kulturpreis, arbeitete bis zuletzt täglich am Schreibtisch in seiner Villa in Oberrad. Er fuhr Rollstuhl, sein nächstes Buchprojekt hatte er bereits geplant. Sein Vermächtnis bleibt in Frankfurt lebendig. Nicht nur in der gebauten Umwelt, sondern auch mit dem Kulturpass. Der Musikproduzent und -verleger Götz Wörner rief ihn 2008 ins Leben und bezog sich dabei auf Hilmar Hoffmanns Buch „Kultur für alle“ aus dem Jahr 1979. Rund 20.000 Menschen besuchten seitdem mit dem Kulturpass zu günstigen Preisen Museen, Schauspiel und Oper, Konzerte im Hessischen Rundfunk und vieles mehr. In der Regel zahlen sie mit dem Pass ein bis drei Euro Eintritt. Hilmar Hoffmann wurde 2017 als Ehrenmitglied in den Verein aufgenommen, ein von Gerhard Richter gemaltes Portrait des ehemaligen Kulturdezernenten wird den Kulturpass schmücken und an sein Versprechen erinnern, dass Kultur für alle da ist, nicht nur für die oberen Zehntausend. Nähere Informationen zum Kulturpass unter www.kulturpass.net und Telefon 069 97 76 14 70. Susanne Schmidt-Lüer