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Digitale Spiele werden bei Senioren immer beliebter

Immer mehr ältere Menschen entdecken digitale Spiele für sich. Nicht alle spielen nur aus Spaß und zum Zeitvertreib. Forschungen zeigen, dass spielen an PC, Tablet oder Smartphone auch für die Gesundheit förderlich sein kann. Mit Hilfe von Spielkonsolen können Senioren Gleichgewicht, Feinmotorik und Koordination trainieren.

„Da habe ich einen Fehler gemacht.“ Anna Klapperich schaut ein bisschen unglücklich auf das Zahlenquadrat, das sie gerade vervollständigen möchte. Die Zahlen von 1 bis 9 stehen in jeder Reihe und in jedem der neun Quadrate. Sudoku heißt das Spiel, das viele aus Tageszeitungen und Rätselheften kennen. Die 80-Jährige füllt das Zahlengitter aber nicht mit dem Bleistift auf Papier, sondern auf ihrem Tablet aus.

Anna Klapperich liegt seit sieben Wochen im Krankenhaus Nordwest. Da wird die Zeit schon mal lang und das Spielen bietet ein wenig Zeitvertreib. Rund 9,5 Millionen Deutsche aus der Altersgruppe 50+ interessieren sich mittlerweile für Computer- und Videospiele. Das hat das Marktforschungsunternehmen GfK im Auftrag von game, dem Verband der deutschen Games-Branche ermittelt. Diese Altersgruppe wächst besonders stark. Deshalb  haben, entgegen der landläufigen Meinung, nicht Kinder und Jugendliche den größten Anteil bei den Spielern. „Mit einem Anteil von 25 Prozent sind stattdessen die Silver Gamer die größte Nutzungsgruppe von digitalen Spielen“, erläutert game-Geschäftsführer Felix Falk.

Ein Grund für den Anstieg ist die demografische Entwicklung, die früheren Gaming-Pioniere sind inzwischen mit dem Medium älter geworden. Zudem sind Tablets und Smartphones längst in vielen Senioren-Haushalten angekommen. Während Konsolen und spezielle Spiel-Computer für viele ältere Menschen zu teuer oder kompliziert zu bedienen erscheinen, lassen sich Spiele-Apps leicht installieren und ausprobieren. Die Gaming-Forscher haben herausgefunden, dass in der Altersgruppe 50+ die digitalen Umsetzungen von analogen Spieleklassikern besonders beliebt sind. Skat, Puzzle und Kreuzworträtsel  sind genauso gefragt wie Sudoku oder Gedächtnistrainer.

Wer sich mit anderen Spielern messen möchte, der kann es mit digitalen Varianten von Schach, Mühle, Schiffe versenken oder Käsekästchen tun. Beliebt ist auch Quizduell. Das Spiel umfasst derzeit etwa 27.000 Fragen aus 19 Fragenkategorien zu Allgemeinwissen und Alltagskultur. Zwei gegnerischen Spielern werden in sechs Runden jeweils drei zufällig ausgewählte Fragen vorgelegt, auf die immer eine Antwort von vier vorgeschlagenen Antwortmöglichkeiten richtig ist. Der Gegner kann aus bekannten Personen ausgewählt oder auch zufällig zugeteilt werden, so dass sich auch Kontakte zwischen ganz fremden Menschen entwickeln können. Das Spiel ermöglicht, das eigene Wissen mit anderen Spielern zu messen und so kommt auch die soziale Interaktion nicht zu kurz.

Das kann auch über Ländergrenzen hinweggehen. Anna Klapperich spielt beispielsweise Bridge mit Gegnern in Asien oder Pakistan und Wordfeud, eine Art Scrabble, mit ihren Geschwistern in Holland. Allerdings hat sie Turnier-Bridge gespielt und bringt deshalb die nötigen Kenntnisse mit. „Das muss man können“, erklärt sie. Bei anderen technischen Themen haben auch mal die Enkel mit Tipps geholfen. Im Krankenhaus bietet das Tablet Ablenkung und Zeitvertreib. „Zuhause ist mir die Zeit dafür zu schade“, ergänzt die 80-Jährige.

Computerspiele sorgen jedoch nicht nur für Zeitvertreib, sondern haben offensichtlich auch therapeutisches Potenzial. Studien des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung zeigen, dass das Gehirn angeregt werden kann. Die Forscher entwickelten gemeinsam mit der Hochschule für Technik und Wirtschaft das Spiel „Schiff ahoi“. An einem virtuellen Buffet mussten die Spieler möglichst schnell Speisen auf ihren Teller stapeln. Immer wieder kam Ungenießbares wie zum Beispiel Sonnenbrillen auf den Tisch. Hier musste schnell reagiert und das Stapeln unterbrochen werden. Die Probanden spielten acht Wochen lang täglich und die Forscher stellten fest, dass einige Gehirnareale ein deutliches Wachstum zeigten, auch die Selbstkontrolle habe sich deutlich verbessert.

Durch solche Forschungsergebnisse werden auch die Spiele-Entwickler motiviert, Spiele auf den Markt zu bringen, die den Krankheiten des Alters den Kampf ansagen. Zu den Pionieren gehört das Hamburger Unternehmen RetroBrain. Es hat die Spielkonsole Memore entwickelt, die in Altenheimen erprobt wird. Mithilfe von einfachen Spielen trainieren die Senioren Gleichgewicht, Feinmotorik und Koordination.

Welche Freude ältere Menschen am Computer haben können, zeigen Evelyn (87) und Uschi (81). Seit 2015 spielen sie furchtlos zusammen mit acht anderen Senioren auf dem YouTube-Kanal Senioren Zocken“ aktuelle Computerspiele und kommentieren diese sehr unterhaltsam.

Die Schlagfertigkeit und der Witz der Damen kommen an, vor allem bei Kindern und Jugendlichen. Denn Evelyn und Uschi macht es nichts aus, dass über sie gelacht wird, wenn die Finger und der Kopf zu langsam sind für die angesagten Spiele. Sie erobern sich die Technik in ihrem eigenen Tempo – und lassen sich dabei filmen. Mehr als 370.000 Abonnenten hat der Kanal mittlerweile und wurde sogar mit einer „Goldenen Kamera“ in der Kategorie „Let’s Play & Gaming“ ausgezeichnet.

Birgit Clemens