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„Sterben in der Großstadt“ – unter diesem ebenso eingängigen wie klaren Titel haben sich schon seit dem Jahr 2000 verschiedene Akteure in Frankfurt zusammengefunden, um ein Themenfeld ins öffentliche Bewusstsein zu rücken, das gerne verdrängt wird: den würdevollen Tod und eine Kultur des Abschieds. Obwohl sich Umfragen zufolge 80 bis 90 Prozent der Befragten einen möglichst schmerzfreien Tod im Kreis von Angehörigen oder Freunden in den eigenen vier Wänden wünschen, enden immer noch sehr viele in Klinikbetten. Die Deutsche Hospiz Stiftung beklagt, laut einer Studie aus dem Jahr 2010 würden 60 Prozent der Sterbenden in Deutschland, mehr als 500.000 Männer und Frauen, in ihrem letzten Lebensjahr professionelle und lindernde Begleitung brauchen. Tatsächlich seien aber nur rund 23.000 Schwerstkranke in einem stationären Hospiz gestorben, etwa 44.000 Patienten seien auf einer Palliativstation in einem Krankenhaus behandelt worden, und ehrenamtliche Hospizdienste hätten zuletzt rund 39.000 Menschen in einem Jahr begleitet. Es herrsche in Deutschland „eine enorme Lücke zwischen Angebot und Nachfrage“, folgert die Deutsche Hospiz Stiftung.

Im Frankfurter Stadtgebiet ist die Versorgung hingegen nach Ansicht von Fachleuten gut. Laut Statistischem Jahrbuch verstarben 2010 rund 5.700 Menschen in Frankfurt. Bei 1.511 war die Todesursache Krebs, bei 1.927 waren es Krankheiten des Kreislaufsystems. 3.608 Personen waren älter als 75 Jahre.

Es ist eine relativ junge Wissenschaft, die sich ganzheitlich um Sterbende kümmert und auch für mehr Bewusstsein in der Öffentlichkeit sorgt: die Palliativmedizin. Der Begriff leitet sich von Pallium, Mantel, ab. Die erste deutsche Palliativstation eröffnete 1983, von der Deutschen Krebshilfe finanziert, mit fünf Betten in Köln, 1999 wurde der erste Lehrstuhl für Palliativmedizin in Bonn eingerichtet und 2008 in Witten/Herdecke der 1. Lehrstuhl für Kinderschmerztherapie. 2003 verabschiedete der Deutsche Ärztetag eine Musterweiterbildungsverordnung für Palliativmedizin, erst 2009 wurde die Palliativmedizin als Pflichtlehr- und -prüfungsfach in die Approbationsordnung für Ärzte aufgenommen.

In Frankfurt ist die Hospizbewegung, aus der auch die Palliativmedizin erwachsen ist, seit Mitte der 80er bis Mitte der 90er Jahre durch die Verbreitung von Aids geprägt. 1992 eröffnete die Caritas beispielsweise das Franziskushaus als Hospiz für Aidskranke und 1994 stellte die Stadt im Christophorushaus im Westend 40 Betten für Todkranke zur Verfügung. Sie musste das Haus aber bereits ein Jahr später wieder schließen, weil die Krankenkassen kein Geld dazu gaben. Erst Ende der 90er Jahre wurden die Mindestzuschüsse der Krankenkassen zur vollstationären Hospizversorgung gesetzlich geregelt, mittlerweile übernehmen sie die Kosten komplett.

Das Frankfurter Netzwerk Hospiz und Palliative Care arbeitet seit 2008, es wurde vom Amt für Gesundheit initiiert. Schmerztherapeuten, stationäre Hospize, stationäre und ambulante Palliativteams, Kirchen und die Fachhochschule Frankfurt gehören dem Netzwerk unter anderen an, das nicht nur das Hospiz- und Palliativtelefon installierte, sondern auch die wissenschaftliche Begleitung des Versorgungsangebotes in Frankfurt anstoßen und den Austausch sowie die Aus- und Weiterbildung fördern will.
Zum Weiterlesen eignet sich die Internetdarstellung des Amtes für Gesundheit auf den Seiten der Stadt Frankfurt: www.frankfurt.de/sixcms/detail.php?id=5774990

Über Palliativ-Dienste in Hessen informiert das speziell für Betroffene und ihre Angehörigen gedachte Portal www.palliativ-portal.de

Der Deutsche Hospiz- und Palliativ Verband ist unter www.dhpv.de zu finden.

Die deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin unter www.dgpalliativmedizin.de

Die Landesarbeitsgemeinschaft Palliativversorgung Hessen (LAPH) ist die anerkannte Ländergruppe der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin. Sie hat die Umsetzung der Ziele der DGP in Hessen und deren Koordination im Auge (www.laph.de).

Die „Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland“, die die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin, der Deutsche Hospiz- und Palliativ Verband und die Bundesärztekammer tragen, wurde von rund 200 Experten erarbeitet. Sie hält den Ist-Zustand der Betreuung Schwerstkranker in Deutschland und Handlungsoptionen fest, und ist unter www.charta-zur-betreuung-sterbender.de zu finden.

Susanne Schmidt-Lüer