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Wenn es um demenzielle Erkrankungen geht, stehen Laien oft einer heillosen Begriffsverwirrung gegenüber. Ist mein Vater dement? Hat mein Partner Alzheimer? Ist die Verwirrung meiner Mutter nur vorübergehend, etwa nach einer Operation?

Es gibt den Satz: „Wenn du einen demenzkranken Menschen kennst, kennst du genau einen.“ Damit soll ausgedrückt werden, dass es zum einen verschiedene Arten demenzieller Erkrankungen gibt. Zum anderen prägen sich die unterschiedlichen Krankheiten bzw. Syndrome bei jedem Menschen individuell verschieden aus.

Der Neurologe Dr. Jörg Madlener, Konsiliarneurologe am Bürgerhospital Frankfurt, sagt denn auch: „Demenz ist ein Syndrom und eigentlich keine Krankheit.“ Denn das Nachlassen des Gedächtnisses, Orientierungslosigkeit, Sprachstörungen, Persönlichkeitsveränderungen und vieles mehr, was eine Demenz ausmachen kann, seien im Prinzip nur eine Folgeerscheinung einer Erkrankung des Gehirns. Wie auch viele andere Krankheiten korreliere Demenz mit dem Alter. Das bedeutet: Das Risiko, eine Demenz auszubilden, steigt mit zunehmendem Alter.

So liege die Rate der Menschen, die an einer Demenz erkranken, zwischen 80 und 84 Jahren mehr als doppelt so hoch wie bei zehn Jahre jüngeren Menschen (3,20 Prozent zu 0,93 Prozent). Bei Menschen über 80 Jahren liege die Rate schon bei 5,7 Prozent und bei über 90-Jährigen sogar bei 12,24 Prozent.

Die Neurologen unterschieden verschiedene Formen der Demenz, von denen einige nicht unbedingt erst im höheren Alter auftreten. So beginne die Frontotemporale Atrophie, bei der das Gehirn stark schrumpft, oft schon mit 55 Jahren. Auch die Lewy Körperchen-Erkrankung zeige sich bereits ab 60 Jahren. Diese beiden Erkrankungen, die mit Persönlichkeitsstörungen und sprachlichen Auffälligkeiten (Frototemporale Atrophie) bzw. körperlichen Parkinson-ähnlichen Einschränkungen und komplexen Halluzinationen einhergingen, machten jeweils rund 15 Prozent aller demenziellen Erkrankungen aus.

Die weitaus häufigste Form der Demenz aber ist die vom Alzheimer Typ und macht 60 Prozent der Gesamterkrankungen aus. Was sie verursacht?

Ablagerungen im Gehirn, die sogenannten Plaques, hat der Arzt Alois Alzheimer, dessen Namen die Krankheit trägt, bei seiner Patientin Auguste Deter nach deren Tod als mögliche Ursache entdeckt. Inzwischen weiß man aus zahlreichen Studien, dass solche Ablagerungen aber nicht unbedingt zu einer Demenz führen müssen. Sicherer als diese Diagnose, die ja erst nach dem Tod möglich ist, sei zum Beispiel der banale „Uhrentest“ zu Lebzeiten, sagt Madlener. Bei diesem muss der Getestete in einen Kreis eine Uhr mit einer bestimmten Uhrzeit einzeichnen. Hier zeige sich der Verlust der Orientierung deutlich, während zum Beispiel ein CT des Gehirns (Computertomografie) oft nicht sehr aussagekräftig sei.
Personen, die eine Alzheimer-Demenz ausbilden, zeigen in der Regel die folgenden Symptome:

  • Schleichender Beginn
  • Störung der Kurzzeitgedächtnisses
  • Orientierungsstörung
  • Sprachstörung
  • Vernachlässigung des Äußeren
  • Verwahrlosung
  • Inkontinenz, Pflegebedürftigkeit

Gibt es eine „Pille gegen Alzheimer“? Angesichts häufig starker negativer Nebenwirkungen bereits vorhandener Medikamente, die den Krankheitsverlauf verzögern sollen, ist der Neurologe Madlener skeptisch. „Wir können psychiatrische Begleitsymptome behandeln“, sagt er. So könnten etwa Depressionen, Angst oder Halluzinationen durch Medikamente beeinflusst werden. Bei der Demenz selbst aber gehe es vor allem darum, den Betroffenen das Leben zu erleichtern. Und damit seien neben dem Erkrankten im jedem Falle auch die pflegenden und betreuenden Angehörigen gemeint. „Eine Diagnose, zwei Patienten“, gelte für den Arzt, dem ein demenzkranker Mensch vorgestellt werde.

Die zahlreichen Therapien, die mit der zunehmenden Zahl demenzerkrankter Personen in den letzten Jahrzehnten entwickelt wurden, liefen im Grunde alle auf menschliche Zuwendung hinaus, sagt Madlener. Welche Methode – Validation, Biografiearbeit, Verhaltenstherapie, Ergotherapie, Musik- oder Kunsttherapie, Milieutherapie, Realitätsorientierung – wirksam ist, müsse man ausprobieren.

Gibt es spezielle Risikofaktoren für Demenz? Und kann man etwa durch die Änderung des Lebensstils vorbeugen? Neben einigen Krankheiten, die Demenzen verursachen können wie zum Beispiel die Jacob-Kreuzfeldt-Erkrankung, das Korsakow-Syndrom oder Chorea Huntington, ist das Alter immer noch der größte Risikofaktor – allerdings einer, den man nicht beeinflussen kann. Alkoholismus, Schlaganfälle und geringe Bildung sind weitere Faktoren, die mehr oder weniger beeinflussbar sind. Auch haben Frauen ein etwas höheres Risiko, dement zu werden.

Muss ich also Angst vor dem Alter haben, wenn es doch ein so hohes Demenzrisiko birgt? Die Demenz stelle für jeden Menschen im Grunde ein persönliche Bedrohung dar, der „wir nur etwas entgegensetzen können, wenn wir uns mit Dingen beschäftigen, die über unsere eigene Existent hinausgehen“, sagt Madlener. Wer sich nicht allein an den Körperfunktionen festhalte, die im Alter nun einmal unweigerlich nachließen, sondern dem Altsein auch etwas Positives abgewinnen könne, der könne ohne Angst altern und sich gelassen darauf vorbereiten, irgendwann dieses Leben zu verlassen.

Lieselotte Wendl