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Eine Ausstellung der Künstlerin Urte Rinke im Martha-Haus in Frankfurt

Die Passion für Farben beginnt und endet nicht auf den Bildern der gebürtigen Dortmunderin vom Jahrgang 1940. Während die kleine Frau in Künstlerschwarz mit den in Lächelfalten gebetteten Augen unter der Nickelbrille langsam am Gehstock die Faltwände abschreitet, trägt sie das Blau ihres Halsschmucks und ihrer Haare von Bild zu Bild durchs Foyer des Alten- und Pflegeheims. Heute geht es nämlich nicht um ihren selbstgemachten Schmuck aus organischen Formen (Fruchtperlen, Blätter, Meeresfrüchte, Eidechsen), spiraligen Strukturen und schönen Asymmetrien, und auch nicht um Fotos. Heute geht es um Urte Rinkes Gemälde.

Rinke, die ihren Vornamen von den ostpreußischen Eltern ableitet, begann ihr Künstlerdasein als Fotografin an der Essener Folkwangschule, verlor die Lust am Foto und wechselte zum Schmuckdesign und malt erst seit sechs, sieben Jahren. Sie hat spät angefangen, in der kurzen Zeit aber einen beeindruckenden Weg zurückgelegt. Ihr Bild auf dem Plakat zur Ausstellung zeigt Massaikrieger, die sich sehr aufrecht, in der Körperspannung eines Ausdauertrotts, durch eine hitzeflirrende Landschaft bewegen und dabei, in Rinkes Blick, alle scharfen Trennlinien einbüßen. Ein anderes Gemälde zeigt zwei gleichartige Gestalten vor einer linsenartigen Struktur, die eine Salzlache oder auch Luftspiegelung sein mag.

Als  Lieblingsbild nennt sie eins, das trotz der extremen Rundung wie im Fischaugen-Objektiv viel gegenständlicher und fast naiv anmutet. Auf den ersten Blick gleicht es einem Hügel in der Toskana, doch blickt man genauer hin, handelt es sich eher um Holzpalisaden als Zypressen unter fernen Reetdachhütten an einer nordischen Küste, unter einem silbrigem Mond (oder einer gerundeten Wolke). Dann sind da wieder abstrakte Bilder mit modern gearbeiteten Oberflächen, die Satellitenaufblicken in Wüsten oder Lagunen gleichen, schattenhaften Menschenwesen oder auch Palisadenreihen am Strand mit einer Art Höhleneingang. Nicht wenige der, laut Ausstellungstitel, „Wege“ Rinkes führen durch die Lüfte, sei es auf schwebenden Bohlen, die in Blau- und Grautönen über im Nu zerfallene Zäune gleiten, oder mit Wolken, die auf fantastische Exoplaneten ausregnen mögen. Kein Wunder, dass Rinke die Anfänge ihrer Malerei auf eine Traumvision zurückführt.

72, 73 Jahre währte ihr Leben, bevor es dazu kam. Die auffälligste Konstante darin scheint zu sein, dass sie wiederholt auf andere als die selbstgewählten Pfade ausweichen musste. Als junge Frau strebte sie eine Schneiderlehre an, wurde aber ins Fotografiestudium an der Folkwangschule geschickt, was zu ihrem Leben wurde. Als sie mit ihrem Mann, dem Maler Klaus Rinke, in Paris von ihren Fotos lebte, hatte sie zwar Erfolg als Künstlerin und fand es schön, beim Brötchenholen auf Chagall zu treffen. Manche ihrer Fotos hängen bis heute in Museen und Galerien, und doch konnte sie kaum von ihrer Kunst leben. Darum ging sie 1964 ins neue Kunstmekka Düsseldorf. Ihre bestbezahlte Arbeit übte sie dort als eine Art Ausstatterin und Location-Scout für eine Werbefirma aus, ein schwerer Unfall aber warf sie aus der Bahn und führte sie nach Frankfurt, wo sie als Schmuckdesignerin neues Ansehen fand und bis heute lebt (in Bornheim).

Dann, endlich, die Malerei – nach einer Traumvision, die sie einem Freund erklären wollte, aber nicht konnte. Rinke: „Da hat er gesagt, mal das doch. So bin ich zum Malen gekommen und habe mein erstes Bild gemalt. Das hat mich nie mehr losgelassen. Beim Malen vergesse ich alles, auch meine Schmerzen, denn ich bin ja schwerbehindert. Oft sind das sechs, sieben Stunden wie im Rausch.“ Aus ihrer Vision ergab sich auch der Titel, den man „Wege verändern Beziehung“ lesen darf. „Ich hab‘ so am Abgrund gestanden und runtergeguckt, da war so eine Vertiefung, alles grün. Da kam eine kleine weiße Wolke, auf die wollte ich unbedingt drauf. Da kam mein Freiheitsgefühl zur Geltung: Alles hinter mir lassen, neue Wege gehen!“

Die Wolke als Traumtaxi? Für Rinke führt dieser Gedanke, dieses Bild ins Religiöse, zumindest im weiten Sinne einer „goldenen Mitte“, die auf keinen bestimmten Glauben fixiert ist: „Ich bin immer auf der Suche nach neuen Wegen. Wie fühlt, wie verhält sich Mensch in unserer Welt? Oft etwas verloren, würde ich sagen. Aber es sind immer Wege zum Licht.“ Nur mit Akzeptanz für Veränderungen lerne man Menschen kennen und neue Dinge.

Auch Tod ist Veränderung: die letzte, wenn es nach Bert Brecht geht. Nicht zufällig war „Wege – Verändern – Beziehung“ zuvor an einem Bahnhof (in Eppstein), aber auch in einem Bestattungsunternehmen in Mainz-Weisenau zu sehen. Eine befreundete Trauerbegleiterin hatte ihre Arbeiten dahin vermittelt, mittlerweile ist sogar ein Künstlerkurs zur Trauerbegleitung angedacht. Zum Beispiel wolle sie da fragen: „Welche Farbe hatte die Person, die Sie verloren haben?“

Künstlerin mit Sinn für Komposition, Licht und Farbe war Rinke fast ihr Leben lang, gleichgültig, wie spät sie zu malen begann. Das erklärt die rapiden Fortschritte in ihren Bildern. „Ich habe einfach losgelegt, immer dazugelernt und viele Fortschritte gemacht. Es fällt mir leicht weiterzukommen. Meine neueren Bilder sind moderner, da gehe ich von der glatten Perfektion weg. Meist fange ich mit einem Motiv an und entdecke bald etwas, das alles verändert.“ Oft schlichen sich so etwa Menschen ein, die nie eingeplant waren. Schmuckdesign sei auch schön, aber ein Hals setze doch natürliche Grenzen und erlaube es nicht, Gefühle auszudrücken. Kunsthandwerk und Kunst sehe sie also schon getrennt und freue sich umso mehr, dass für die Ausstellung schon eine neue Station in Bad Homburg mit dem dortigen Kulturamt verabredet sei: „Das ist sehr gehobenes Niveau. Da bin ich stolz drauf.“

Bis 8. Mai im Alten- und Pflegeheim Martha-Haus, Schifferstraße 65-67, 60594 Frankfurt am Main (Museumsufer). Öffnungszeiten: täglich 10-17 Uhr. Eintritt frei.

Marcus Hladek