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Julia Bringemeier koordiniert am Evangelischen Krankenhaus Bielefeld das Help-Programm für ältere Menschen im Krankenhaus

SZ: Was löst Verwirrtheitszustände bei Patienten im Krankenhaus aus?
Julia Bringemeier: Zum einen Stress. Wenn jemand verunsichert ist, weil er krank ist, und Stress dazu kommt, kann das zu einer Desorientierung führen. Ein Delir kann jedoch von weiteren Faktoren ausgelöst werden, wie zum Beispiel von Operationen, Infektionen und bestimmten Medikamenten.

SZ: Wer ist davon betroffen?
Julia Bringemeier
: Ein sogenanntes Altersdelir kommt in Krankenhäusern bei rund einem Drittel der Patienten über 70 Jahren vor. Das ist in der Bevölkerung nicht so bekannt. Betroffen sind aber auch jüngere Patientinnen und Patienten. Denn Krankenhäuser sind eine eigene Welt mit bestimmten Abläufen, die sich vom Leben zu Hause stark unterscheiden, auch für Jüngere ist es schwierig, sich darin einzufinden. Für Menschen mit schwindenden geistigen Fähigkeiten in einer Situation, in der Stress herrscht, ist es aber besonders fatal.

SZ: Was tun Sie im Evangelischen Krankenhaus Bielefeld dagegen?
Julia Bringemeier:
Wir machen auf die besondere Situation von älteren Menschen im Krankenhaus aufmerksam, schulen im Umgang mit kognitiv gestörten – zum Beispiel dementen – Patienten und insbesondere im Umgang mit dem Krankheitsbild Delir. Im Help-Programm arbeitet ein multidisziplinäres Team zusammen, ein Arzt, Sozialarbeiterinnen und erfahrene Pflegekräfte aus der Gerontopsychiatrie. Sie schulen Mitarbeiter, beispielsweise in der Unfallchirurgie oder der Kardiologie, wie sie mit Patienten mit kognitiven Einschränkungen umgehen, und was wichtig für deren Pflege ist, etwa um Fixierungen zu vermeiden.

SZ: Was machen der Arzt und die Sozialarbeiterinnen im Help-Programm?
Julia Bringemeier: Das Delir ist ein Krankheitsbild, das häufig durch nicht seniorengerechte Medikation ausgelöst wird. Der Arzt überprüft zum Beispiel, ob Delir-fördernde Medikamente gegeben werden und berät seine Kollegen über alternative Präparate. Wir Sozialarbeiter sehen alle Patienten, die ins Krankenhaus aufgenommen werden und älter als 70 Jahre sind, und führen mit diesen ein Risiko-Screening durch. Wir machen mit den Patienten beispielsweise einen Kognitionstest. Manchmal ist es im Krankenhaus gar nicht bekannt, dass ein Patient eine kognitive Einschränkung hat, viele haben noch eine relativ gute Fassade. Andersherum kommt es vor, dass Patienten für dement gehalten werden, die es gar nicht sind, sondern vielleicht einfach nur schlecht hören. Wenn man das Hörgerät einschaltet, verstehen sie auch wieder alles.

SZ: Was passiert mit Patienten, die ins Help-Programm aufgenommen werden?
Julia Bringemeier: Im Rahmen des Help-Programms legen wir für jeden Patienten ein strukturiertes individualisiertes Programm fest, das die Orientierung und Aktivierung des Patienten fördert. Dieses Programm führen Freiwillige aus. Zum Beispiel haben wir zur Orientierung in allen Zimmern Uhren angebracht, was im Krankenhaus nicht selbstverständlich ist. Die Freiwilligen orientieren die Patienten jeden Tag über die Zeit und über den Ort und übernehmen kleine Verrichtungen für sie, die engagierte Angehörige auch übernehmen würden. Sie schauen, ob die Patienten die Brille auf und das Hörgerät im Ohr haben, schütteln das Kissen auf, achten darauf, dass die Patienten etwas zu trinken haben. Manchmal scheitert das Trinken an Kleinigkeiten: Eine Flasche Wasser ist da, aber kein Glas. Oder es steht beides da, aber die Patienten kommen nicht dran. Auf so etwas achten die Freiwilligen. Sie klären auch Fragen und holen, wenn nötig, die Pflege zu Hilfe.

SZ: Was tun die Freiwilligen noch?
Julia Bringemeier: Sie aktivieren die Patienten. Im Rahmen der Delir-Prävention ist es ganz wichtig, dass die Patienten im Krankenhaus geistig aktiv sind. Wir gucken, was kognitiv in Frage kommt und wozu der Patient Lust hat. Wir haben ein Musikinstrument, auf dem wir vorspielen, lesen aus der Zeitung vor, machen Kreuzworträtsel, sprechen über Sprichwörter oder wir spielen Spiele.

SZ: Wie viele Freiwillige arbeiten im Help-Programm?
Julia Bringemeier: Wir haben acht Freiwillige im Freiwilligen Sozialen Jahr, jeder arbeitet 40 Stunden in der Woche. Sie können sich die Zeit nehmen, die in der Pflege für Orientierung, Gespräche und anderes fehlt. Für viele Patienten ist ein Krankenhausaufenthalt einschneidend, sie fragen sich beispielsweise nach einem Oberschenkelhalsbruch, was passiert mit mir weiter? Die Freiwilligen hören zu, sie gehen mit Patienten auch spazieren, um sie zu mobilisieren und begleiten sie bei Mahlzeiten. Gerade Patienten mit Demenz überfordert das Tablett-System im Krankenhaus. Die Freiwilligen sagen ihnen, dass sie zuerst die Suppe essen sollten oder schmieren mal ein Brot. Ihre Tätigkeit ist ein bunter Blumenstrauß an Hilfestellungen.

SZ: Welche Erfolge können Sie mit dem Help-Programm verbuchen?
Julia Bringemeier:
Wir konnten die Delir-Rate um ein Drittel reduzieren und das Wissen der Pflegekräfte über das Krankheitsbild Delir erhöhen, das häufig gar nicht bekannt ist. Die Patienten sind dankbar und ihre Angehörigen auch. Wir konnten das Programm ausweiten und bieten es inzwischen auf vier Stationen an. Viele Krankenhäuser aus ganz Deutschland schauen sich Help bei uns an.

SZ: Das Evangelische Krankenhaus Bielefeld hat 2012 als erstes Krankenhaus in Deutschland das Help-Programm eingeführt – ein Beispiel für andere?
Julia Bringemeier: Es muss ein Umdenken erfolgen. Insgesamt brauchen wir einen ganzheitlichen Blick auf die Patienten, nicht nur einen fachspezifischen. Wenn der Kardiologe nur das Herz betrachtet, ist das zu kurz gedacht. Diese Denkweise zieht Komplikationen wie Delirien und Stürze nach sich. Das muss sich ändern. Bei uns im Krankenhaus sind mittlerweile die Hälfte der Patienten 65 Jahre und älter. Die Krankenhäuser müssen sich darauf einstellen.

Interview: Susanne Schmidt-Lüer

Nähere Informationen unter www.evkb.de/help

Infobox 

Hospital Elder Life Program (help)

„Delir“ – diesen Begriff kennen selbst Mitarbeiter in pflegerischen und medizinischen Berufen häufig nur im Zusammenhang mit Alkoholentzug. Doch weitaus häufiger kommt das sogenannte „Altersdelir“ vor, das bei rund einem Drittel der über 70-jährigen Krankenhauspatienten auftritt.

„Delirare“ (lat.) meint „aus der Spur geraten“. Der Zustand kann wechseln zwischen klarer Orientierung und starker Verwirrung. Patienten sind dann zeitweise unruhig, ärgerlich und streitbar, aber oft auch niedergeschlagen, teilnahmslos oder ängstlich. Sie können unter Halluzinationen leiden, also Dinge hören, sehen, fühlen oder riechen, die gar nicht da sind. Manche Patienten schlafen tagsüber und sind nachts hellwach und aktiv. Viele sind unkonzentriert und leicht ablenkbar. Viele Patienten beschreiben den Zustand, nachdem er abgeklungen ist, als „existenziell bedrohlich“.

Help ist ein innovativer Ansatz zur besseren Versorgung älterer Menschen im Krankenhaus und wurde an der US-amerikanischen Yale Universität entworfen. Inzwischen ist Help an mehr als 200 Krankenhäusern im nordamerikanischen Raum umgesetzt, in Europa hingegen lediglich am Evangelischen Krankenhaus in Bielefeld und in einer abgeänderten Variante im niederländischen Deventer. ssl