Aktuelle Ausgabe zum Lesen  eye   zum Hören  ear
Schriftgröße  

Studien zeigen: Nahrungsergänzungsmittel helfen nicht wirklich

Professor Dr. med. Jürgen Schölmerich, Gastroenterologe und bis 2016 ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums, hat aktuell die Studienlage durchforstet.

Dies vorweg: „Die Werbeaussage, wonach jeder Mensch eine Extraportion Vitamine oder Mineralstoffe zur Aufrechterhaltung der Leistungsfähigkeit und Gesundheit brauche, ist schlicht und einfach falsch.“ Das sagte Schölmerich auf dem letzten Kongress Viszeralmedizin in Wiesbaden. Auch wenn noch so viel Umsatz mit Nahrungsergänzungen und einigen Medikamenten gemacht werde, könne er Nahrungsergänzungen nur wenigen Personengruppen empfehlen.

Überflüssige Nahrungsergänzung

Ob Pillen und Pülverchen mit den Vitaminen C, D und K oder den Mineralien Magnesium, Selen und Zink oder Fischölkapseln mit Omega-3-Fettsäure: Aktuelle Studien und Metaanalysen zeigten keinen Effekt auf die Sterblichkeit oder das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Alles, was der Mensch brauche, um gesund alt zu werden, sei eine ausgewogene Ernährung.

Erst 2019 zeigt eine amerikanische Studie, dass Vitamine und Mineralstoffe aus der Nahrung positive gesundheitliche Effekte haben. Aber nicht, wenn sie als Nahrungsergänzung aufgenommen wurden, sondern im natürlichen Zusammenspiel der frischen, abwechslungsreichen Nahrung. Nur Veganer brauchten Vitamin-B12-Tabletten.

Schölmerich geht es um die wichtige Unterscheidung von Gesunderhaltung und Vorbeugung (Primärprävention) und der Behandlung nach Erkrankungen (Sekundärprävention). So könne das blutverdünnende Aspirin (ASS) nach Herzinfarkt oder Schlaganfällen helfen, Thrombosen zu verhindern. Aber vorbeugend von Menschen ohne Herz-Kreislauferkrankungen eingenommen erhöhe es das Auftreten von Blutungen, meist im Magen-Darm-Trakt. Die entsprechenden Studien fanden auch keinen positiven Effekt gegen Demenz und Gebrechlichkeit Älterer (Frailty) oder gegen Krebs und die Zahl der Todesfälle.

Dagegen seien Statine hochwirksam in der Behandlung von Fettstoffwechselstörungen und in der Prävention von Herz-Kreislauferkrankungen. Ob die Cholesterinsenker allerdings die Entstehung von Krebs verhindern könnten, darüber gebe es keine Daten.

Das A und O für gesundes Altern: ausgewogene Ernährung und Sonne

Die SZ hat nachgehakt: Sollen Ältere generell Vitamin D-Präparate zum Schutz vor Osteoporose einnehmen? „Nein, nicht generell“, antwortete Schölmerich. „Ein Supplement sollte auf den nachgewiesenen Mangel beschränkt werden“. Wichtig sei − auch bei Hochbetagten − die Sonnenexposition, also etwa der tägliche Spaziergang, auch bei Bewölkung.

Selbst wenn der Energiebedarf im Alter sinkt oder Hochbetagte wegen nachlassenden Hungergefühls und Geschmacksempfindens weniger essen, brauchen sie nicht unbedingt Tabletten und Pülverchen. Denn: „Auch bei reduzierter Nahrungszufuhr holt sich der Körper das, was er braucht, da bei ausgewogener Ernährung in der Regel mehr als nötig darin enthalten ist.“

Fazit: Vitaminpillen, Cholesterinsenker & Co sind nur sinnvoll bei einem ärztlich nachgewiesenen Mangel, nicht zur Vorbeugung. Gutes Essen und regelmäßige Bewegung in der frischen Luft führen eher zu gesundem Altern.

Karin Willen