Aktuelle Ausgabe zum Lesen  eye   zum Hören  ear
Schriftgröße  

Neues von der Universität des 3. Lebensalters

Voraussagen sind ein schwierig Ding, besonders solche zur Zukunft. Momentan stehen wir im Wintersemester der U3L an der Goethe-Universität (Vorlesungen: bis 22. Februar). Zu den Neuerungen durch Covid-19 zählt, dass viele Studenten zum ersten Mal an der „U3“ teilnahmen, weil alles digital war und Mobilität kein Thema. Das hat gut funktioniert. Wenn der Lehrbetrieb im Sommersemester wieder Präsenzunterricht anbietet, will das U3L-Team daher einige digitale Angebote beibehalten. Zwar halbierte sich 2020 zunächst die Zahl der Studierenden, aber dank der Olat-Lernplattform (Olat = Online Learning and Training) fanden sieben von zehn geplanten Kursen statt. Bei Kursen in Echtzeit sitzen die Teilnehmer zeitgleich zu Hause oder im Café am Computer und treffen sich virtuell-live auf „Zoom“. Bei asynchronen Kursen rufen sie per Olat Kursmaterialien ab.

Das Wintersemester umfasst 100 Vorlesungen, Seminare und Kurse aller Fachbereiche, viele zum Semester-Thema „Raum und Zeit“. Geht es da um die Theologie des Mittelalters (Matthias Kloft), taucht garantiert die Legende vom Mönch auf, der beim Meditieren über „1000 Jahre wie ein Tag“ wegdriftet und erwachend staunt, dass 300 Jahre verflogen sind. Unumgänglich das Seminar über Kants „Kritik der reinen Vernunft“, da Kant Zeit und Raum als bloße Anschauungsformen der Welterfahrung einstufte. Einsteins Relativitätstheorie fehlt als Kurs so wenig wie die Musik als Kunst in der Zeit.

Elke Wehrs geht an Filmbeispielen der Psychologie der Zeit nach, Historiker stürzen sich auf die goldenen Zeitalter des Altertums, Frankfurt im Mittelalter oder die Frage, was vor dem Ei war, aus dem 753 Rom kroch. Kunsthistoriker fassen Italiens Freskenzyklen in den Blick, Ökonomen grasen ihr Feld ideengeschichtlich ab, Soziologen fahnden nach der sozialen Herkunft. Ansonsten geht es um Dinge wie Psychokardiologie, Engagement im Alter, Ezechiel, die Magie der Sinne im Tierreich, die Landschaft von der Renaissance bis Beuys oder, bei Rainald Simon, den kulturellen Völkermord der VR China an den Tibetern, dem die Welt seit 1950 zuschaut.

Wen internationale Projektseminare reizen, kann sich der Frage anschließen: Wie leben unsere europäischen Nachbarn im 3. Lebensalter? So das Thema der PG „Denta“, die im Sommersemester ausläuft und erste Ergebnisse zum Vergleich der Lebenswelten zwischen Frankreich und Bulgarien vorstellt. Im Sommersemester klingt auch der viersemestrige Studiengang „Mensch und Natur“ aus, eine Art Studium generale mit Hausarbeit und „Zertifikat der U3L“.

Apropos Abschluss. Was ist eigentlich aus Fília geworden? 2015 reisten zum ersten Male U3L-Studenten mit Ulrike Krasberg ins 650-Seelen-Bergdorf auf Lesbos in Griechenland (die SZ berichtete). Krasberg, die derzeit U3L-Seminare über Postmoderne und „Die Lebenswelt Griechenlands“ hält, kennt Fília seit langem, daher die Einladung. Seither verwandelten beide Seiten ein verrottetes und verfluchtes Herrenhaus mit seiner kunterbunten Sammlung alter Objekte in ein modernes Heimatmuseum. Die U3L bekam ihr 8-Semester-Forschungsprojekt „Museum Filia“ mit Exkursionen und allem Drum und Dran, Fília ein Heimatmuseum mit sorgsam katalogisierten Objekten nebst Homepage (www.museum-filia.com). Das Ausstellungskonzept nach Neil MacGregor und Orhan Pamuk umfasst kleine Geschichten über Sitten und Bräuche im Lebensalltag aus 100 Jahren. Die örtliche Realschule machte mit und adoptierte das Museum als „außerschulischen Lernort“ im Fach Heimatkunde.

Wie Ulrike Krasberg heute sagt, ist es wichtig, dass das Dorf sein Museum annahm, „damit es seine Schätze versteht und was sich mit einem Heimatmuseum machen lässt“. Selbst die Mäzene im Dorf, Giorgos und Stelios Kalfagianni, die Krasberg nicht um Hilfe bitten mochte, seien zuletzt auf sie zugegangen und hätten ein Benefiz-Café für eine Museumsvitrine angeleiert. Heute sei Giorgos Kalfagianni „Feuer und Flamme“ und finanziere die Übersetzung des Buches über das Projekt.

Das Flüchtlingsproblem? Ja, man rede darüber. „Das Problem ist die Hilflosigkeit. Man hat auch Angst vor Corona. Es kommt immer wieder hoch, weil es so bedrückend ist. Die wenigen Touristen, die noch kamen, sind alle weg, was sich auch auf Filia auswirkt, das selbst nie Touristen hatte. Man kann es nur verdrängen. Die Insel galt immer als ‚links‘, und plötzlich bricht hier Hass hervor und Gerüchte über Luxushotels für Flüchtlinge. Boote werden ins Meer zurückgestoßen. Sehr unschön. Fürchterlich auch für die Bevölkerung, nicht nur die Flüchtlinge. Unser Museum ist vielleicht ein Gegengewicht, um vom Gejammere abzulenken.“ Marcus Hladek

Alles Wissenswerte zur U3L inklusive PDF-Dateien (Veranstaltungsverzeichnis, An- und Rückmeldeformulare, Olat-Einloggseite) auf der Homepage: www.u3l.uni-frankfurt.de