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Theater zum Thema Demenz in der Woche des Lebens

In letzter Zeit legt Martha ungewohnte Starrköpfigkeit an den Tag. Hannah ist deshalb auf ihre Mutter oft richtig wütend. Als der Arzt eine Demenz diagnostiziert, fühlt sie sich fast erleichtert. Es erklärt das merkwürdige Verhalten. Ein Pflegeheim ist für Hannah keine Option. Sie liest allerlei Ratgeber und will dafür sorgen, dass die letzten Jahre der Mutter würdevoll und friedlich sind. Anfangs gelingt das ziemlich gut. Die beiden unternehmen viel, haben Spaß und sind fröhlich. Zu Hannahs Verwunderung wirkt die Mutter sogar viel jünger. „Als wäre Demenz ein Bildhauer, der das Überflüssige wegschlägt“, beschreibt sie in dem Theaterstück „Ich erinnere mich genau“ die Veränderung.

Nach einer Weile wird die Beziehung jedoch zunehmend schwierig. Die Mutter verliert häufig die Orientierung, hat aggressive Ausfälle oder beginnt mitten in der Nacht Essen für die Familie zu kochen. Hannah gerät mehr und mehr an ihre Grenzen, rastet irgendwann aus und schreit ihre Mutter an. Als es auch noch zu Handgreiflichkeiten auf beiden Seiten kommt, liegt Martha hinterher wimmernd im Bett, ertränkt Hannah ihre Schuldgefühle mit Alkohol. Entlastung findet sie auch in den fiktiven Gesprächen mit einer Freundin, die sie in der Inszenierung wiederholt führt.

Mit ihrem Stück „Ich erinnere mich genau“ führen die Schauspielerinnen Christine Reitmeier und Liza Riemann die vielzähligen Herausforderungen einer Demenzerkrankung vor Augen. Neben dem sukzessiven Verfall der Betroffenen und den wachsenden Belastungen der Angehörigen bringen sie auch Kritik am Gebaren des Arztes zur Sprache. Der überschüttet Hannah nach der Diagnose nur mit Fachwörtern und drückt ihr eine Pflegheimbroschüre in die Hand. Am Ende wird das Publikum aber mit versöhnlichen Szenen entlassen. Trotz Marthas verblasster Erinnerung kommen sich Mutter und Tochter am Totenbett wieder sehr nahe.

Das „Kleine Ensemble“ verschafft nun schon seit bald zehn Jahren mit der Inszenierung einer gern ignorierten Erkrankung Aufmerksamkeit. Packend gespielt und an keiner Stelle dramaturgisch überzogen, vermitteln Christine Reitmeier und Liza Riemann zum einen fundierte Einblicke in den Verlauf einer Demenz. Zum anderen ermutigen sie mit der realitätsnahen Handlung die Zuschauer:innen, sich dem Thema zu öffnen.

Zahl der Erkrankten steigt

Der Vorsitzende der Alzheimer Gesellschaft Hessen, Johannes Pantel, hätte für die Beteiligung an der „Woche des Lebens“ kaum einen passenderen Beitrag finden können. Zumal das diesjährige Motto „Mittendrin. Leben mit Demenz“ lautete. Vor der Theateraufführung im Haus am Dom appellierte der Arzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Geriatrie, die Erkrankung mehr in den Fokus zu rücken. Gegenwärtig litten hierzulande etwa 1,6 Millionen Menschen an Demenz. Deren Anzahl werde sich Schätzungen zufolge bis 2030 auf rund 2,8 Millionen erhöhen. Das bedeute: „Jede zweite Frau und jeder dritte Mann wird vermutlich an Demenz erkranken.“

Umso stärker treibe die Alzheimer Gesellschaft Hessen mit ihren 13 regionalen Mitgliedsgesellschaften die Schließung existierender Lücken voran. Wie Johannes Pantel aufzählte, gibt es sowohl bei der Förderung von Menschen mit Demenz, der Interessenvertretung von Betroffenen und Angehörigen als auch der gesellschaftlichen Entstigmatisierung und Enttabuisierung große Defizite. Zudem sei es vonnöten, das „Verständnis und die Hilfsbereitschaft gegenüber den direkt oder indirekt von Demenz betroffenen Menschen“ zu erhöhen. Welche tragende Rolle das soziale Bezugssystem spielt, zeigen ihm schon allein die Zahlen. „80 Prozent der 1,6 Millionen an Demenz erkrankten Frauen und Männer werden von Angehörigen betreut.“

Dass die „Landesregierung derzeit ein hessisches Demenzkonzept“ auf die Beine stellt, kann der Leiter des Arbeitsbereichs Altersmedizin der Frankfurter Goethe-Universität nur begrüßen. „Die Alzheimer Gesellschaft Hessen ist an der Entwicklung beteiligt.“ Ziel sei es, hinreichend „Fachstellen und Kompetenzzentren für Betroffene und Angehörige“ zu schaffen. Da bei einer „Demenzerkrankung keine Chance auf Heilung“ besteht, geht es für Johannes Pantel darum, das Augenmerk auf die Maßnahmen im palliativen und therapeutischen Bereich zu richten. So seien etwa Depressionen häufig zu beobachtende Begleiterscheinungen.  

Doris Stickler