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„Briefe ohne Unterschrift – DDR-Geschichte(n) auf BBC Radio“ im Museum für Kommunikation

„Briefe ohne Unterschrift“ hieß eine Sendereihe der englischen Rundfunkanstalt  BBC für die DDR von 1949 bis 1974. Ihr widmet das Museum für Kommunikation Frankfurt seine neue Sonderausstellung (bis 5. September). Fast weckt die Schau Kalter-Kriegs-Nostalgie, denn 1974 ist lange her und vom Epochenbruch Mauerfall (1989) von uns getrennt, der das Zeitgefühl teilt wie Moses das Rote Meer. Zur Erinnerung: 1974 trat US-Präsident Richard Nixon zurück (Watergate), Deutschland gewann die Fußball-Weltmeisterschaft, und zwei Boxer fochten ihren „Rumble in the Jungle“(Muhammad Ali gegen George Forman) aus. Ein Jahr nach dem Rücktritt Willy Brandts als deutscher Bundeskanzler hatte die Ostpolitik gesiegt, und die Anerkennung der DDR war perfekt. „Briefe ohne Unterschrift“, die beliebteste Radiosendung des German Service der BBC, stand plötzlich da wie ein Anachronismus – und verstummte.

Sein Name ist Harrison, Austin Harrison

Und doch blieb die Sendung, die es nicht mehr gab, zwanzig Minuten jeden Freitagabend, den Menschen im Gedächtnis. Aushängeschild bis zuletzt war Austin Harrison, ein Journalist aus dem militärischen Nachrichtendienst, der die „Briefe“ moderierte. Sein Humor kam ihm dabei zustatten. Nebenberuflich als Bestatter tätig, zierte dieser Spruch seine Visitenkarte: „Deines Lebens höchster Lohn ist ein Grab bei Harrison.“

Kuratiert von Katharina Schillinger, dokumentiert die Museumsschau ihr Thema in sieben Stationen, die dem Weg oder der Signalbahn eines Briefs folgen. Der „Zeitgeschichte“ (Nachkriegszeit, DDR, BBC) folgen das „Zuhause“ der Hörer und Schreiber, denen das West-Hören verboten war, und das „Studio“, das die an West-Berliner Deckadressen verschickte Post zum Vorlesen auf Radio-Sprecher(innen) verteilte. Viele Moderatoren im German Service hatten früher Anti-Nazi-Sendungen gemacht. Wenn ihr DDR-Funk Propaganda war, wie die Stasi es propagierte, so war es zumindest diskrete Propaganda aus antitotalitärem „common sense“. Ein wenig Agenten-Flair war trotzdem dabei.

Aktivisten damals und heute

Station 4, „Die Zentrale“, blickt auf die Stasi, die sich wie das Comic-Duo „Spion & Spion“ immerzu Gegen-Gegenmaßnahmen ausdachte. Stasi-IM „Carolus Winter“ forschte Harrison ganz nah aus – wer wohl dahintersteckte? „Persönlich betrachtet“ stellt Zeitzeugen und Stasi-Akten vor. Einem Blick ins „Briefarchiv“ folgt die Endstation „Meinungsfreiheit heute“, die auf Aktivisten wie den US-Footballer Colin Kaepernick, den Journalisten Deniz Yücel und die Pakistanerin Malala Yousafzai blickt. Die ist noch keine 24 und erlitt für ihr Bestehen auf Bildung für Mädchen schon Kopfschüsse von einem Taliban-Feigling, macht aber weiter; den Nobelpreis bekam sie wohlverdient wie kaum jemand sonst.

„Schreiben Sie uns, wo immer Sie sind, was immer Sie auf dem Herzen haben“, lud die BBC die deutsche „Sowjetzone“ ein. 40.000 Briefe aus 25 Jahren hat sie archiviert. Die Beliebtheit ihrer „Briefe ohne Unterschrift“ hatte gute Gründe. „Meckerbriefe“ beklagten einfach nur die Mangelwirtschaft, aber was heißt einfach, wenn Meckern unter der Partei riskant war? Andere geißelten die Indoktrinierung und sprachen Ängste aus. „Helft uns, damit wir nicht als Sowjetrussen leben und sterben müssen!“ – schrieb 1978 Siegfried Freitag (heute 90). Wir kennen seinen Namen, weil die Stasi ihn herausfand. Wie hart DDR-Knast war (vier Jahre für Freitag), berührt so wie die Klage einer Mutter, die die BBC um Medizin für ihr Kind anflehte.

Familienangelegenheiten

Ihr Wiederauftauchen verdankt das Material Susanne Schädlich, einer Tochter Hans Joachim Schädlichs. Der war der DDR längst ein Dorn im Auge, als er 1977 in den Westen ging und literarische Erfolge einheimste. 1992 öffnete er seine Stasi-Akte und fand, dass ihn sein Bruder als IM „Schäfer“ ausgespäht hatte. Kein Wunder, dass Tochter Susanne die Vater-Onkel-Konstellation aufgriff und darüber Bücher schrieb. 2012 erkannte sie bei der BBC in London ein Konvolut anonymer Briefe als historiografische Quelle und stieß beim Amt des Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen auf Tonmitschnitte der Stasi, die somit im Nachhinein ihren Gegnern nützte wie der dumme Teufel des Mittelalters. Ihr Buch „Briefe ohne Unterschrift“ wurde Grundlage zur Ausstellung.

Alte Radios, viele viele Briefe und Geschichten stehen hier neben Kuriosa. Alles führt zurück in die Gegenwart und zum Besucher, der sich fragen soll: „Wie frei fühle ich mich in meinen Äußerungen?“ Im Internet und angemeldeten Führungen vor Ort besuchbar, möchte das Museum die Ausstellung noch vor Ostern regulär öffnen. Wenn Covid-19 es denn zulässt.

Marcus Hladek

„Briefe ohne Unterschrift – DDR Geschichte(n) auf BBC Radio“. Bis 5. September im Museum für Kommunikation Frankfurt. Besuche vor Ort momentan nur im Rahmen angemeldeter Führungen (2-4 Euro): Telefon 069 / 6 06 03 21 oder E-Mail: buchungenmkf@mspt.de. Digitale Führungen am 24. März, 27. April und 27. Mai um 16 Uhr. Öffnungszeiten vor Ort (6 Euro): bitte Museumswebsite konsultieren. Expotizer zum digitalen Ausstellungsbesuch: https://briefe-ohne-unterschrift.museumsstiftung.de/ . Info: Telefon 069 / 6 06 00. Das Buch von Susanne Schädlich kostet im Museumsshop 19,99 Euro. Die Filmdokumentation „London Calling. Briefe aus dem Kalten Krieg“ (RBB) ist am 20. Mai, 18.30 Uhr, als Preview im Museum zu sehen (4 Euro).