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Das Weltkulturen Museum dokumentiert die Flüchtlingsrettung im Mittelmeer

30 Schiffe und Flugaufklärer zählten bislang zur Flotte internationaler NGOs (Nicht-Regierungs-Organisationen) vor Nordafrika. Seit der Flüchtlingskrise von 2015 achteten sie dort auf Schiffbrüchige, erst nur, um deren Leid publik zu machen, dann als professionelle Seenotretter: mit Schwimmwesten, Trinkwasser, Ersthelfern, Platz unter Deck sowie Journalisten und Künstlern, die alles dokumentieren und der Welt den Spiegel vorhalten.

Übrig sind nur noch acht der 30 Rettungsfahrzeuge. Fünf liegen nach Beschlagnahme (wie die „Alan Kurdi“) in Häfen fest, 16 sind ausgemustert. 2015 scheint insofern verdammt lang her. Und doch blickt die Ausstellung „SW5Y – Fünf Jahre zivile Seenotrettung“ (bis 30. August) mit Stolz auf die Arbeit von Sea-Watch e.V. zurück und behält die anhaltende Not weiter im Auge. Mehr als 19.000 Menschen ertranken seit 2014 auf ihrer Flucht im Mittelmeer. 37.000 wurden, auch dank Sea-Watch, gerettet.

Ausräumen der MS Sea Watch nach einem Rettungseinsatz
Foto: 2015 Sea Watch

Kuratiert haben die Ausstellung mit 120 Fotos, Filmen, Lyrik, Grafik im „Graphic-Novel“-Stil, Texttafeln, Zitaten und einer Chronik-Schiene Leonie Neumann vom Weltkulturen Museum und für Sea-Watch die Grafikerin Jelka Kretzschmar. Zu großen Teilen ist dies eine chronologisch geordnete Fotoausstellung, wobei die drei mal zwölf Crew-Fotos der 500 „Sea-Watch“-Helfer aus fünf Jahren am Anfang der Schau wie Familienfotos wirken können. 

Hinzu kommen etliche kürzere Filmbeiträge, von denen einer, Skye Fitzgeralds „Life Boat“, es 2018 zu einer Oscar-Nominierung brachte, derweil ein anderer das Unwesen der libyschen „Küstenwache“ wissenschaftlich erfasst. Die Klage über Europas „Politik des Sterbenlassens“ ist allgegenwärtig, eine Bildanekdote wie die um die Bohrinsel vor Tunis, die die Boote als Fata Morgana zum trügerischen Licht lockt, ernüchternd. Poetisches Flair trägt das Lied eines Mannes aus Bangladesch hinzu, mit dem die 750 fiktiven Todesanzeigen für die Opfer einer Havarie im April 2015 nicht mithalten können, weil: gut gemeint, aber effekthascherisch. Da ist das Foucault-Zitat („In Zivilisationen ohne Schiffe versiegen die Träume“) wiederum besser.

Neben Einzelfotos wie Sarah Hüthers Luftaufnahme des Wellenschlags, in dem das winzige Boot fast verschwindet, einem Schnappschuss à la Hemingway von Schuhen ohne  Menschen, die sie tragen, oder Fabian Melbers Totenbild einer Frau, die im vollen Boot in die Mitte geriet, niedergedrückt wurde und ertrank, beeindrucken besonders die graphischen Arbeiten und die arrangierten Übersichtstexte. Adrian Pourvisehs gezeichnetes Tagebuch, das die Organisation der „Sea-Watch 3“ mit einem irren Bienenstock gleichsetzt und die gelb-schwarz gestreifte Allegorie („Die Hölle ist in Libyen“) durchhält, ist so klug gemacht wie seine Wandbilder, etwa dasjenige über Fathima, Ebai und Fred: Ein reger Geist, der sich voller Neugier Gedanken macht und das Weltenchaos mit Humor ordnet, um es zu ertragen und zu vermitteln. 

Wie sehr Europas Politik vom Weggucken lebt, verdeutlicht die mehrspurige Chronik im Treppenhaus, die gleichsam die detaillierte Kriminalgeschichte ergänzt. Während unten gestorben wird, ist das Rechtliche weit oben so abgehoben, dass kein noch so guter Fotobeweis aus dem Sea-Watch-eigenen Flugzeug Cirrus SR22 namens „Moonbird“ je nachkäme und manches Politiker-Zitat uns als schiere Gemeinheit im Magen steckenbleibt.

2015 war das Jahr, als der Fluchtweg übers Mittelmeer als tödlichste Route am meisten genutzt wurde, nachdem der Arabische Frühling und syrische Bürgerkrieg seit 2011 und diverse angestaute Weltlagen das „Mare Nostrum“ zum begehrten Notausgang hatten werden lassen. Von 2016 bis 2019 sinken die Zahlen: von 374.000 und 185.000 über 142.000 auf 125.000. Die Not blieb dieselbe, nur Europas Staaten und Bevölkerungen gaben den Jubel von 2015 auf und blockierten, kriminalisierten nun lieber die Retter. Europa begann Milizen als „libysche Küstenwache“ gegen Flüchtlinge zu finanzieren.

Deren kontroverse Bewertung ist ein Hauptanliegen der Ausstellung. Da Schiffe in Reichweite  nach sämtlichen Rechtsvereinbarungen kategorisch jeden Menschen in Seenot retten müssen, während die Rückschiebung Schiffbrüchiger durch Europas Strohmänner in Libyen rechtlos bleibt, müsste diese Praxis der EU äußerst peinlich sein. Immerhin ist die „libysche Küstenwache“ kein Gesangsverein, sondern bringt laut Sea-Watch öfter mal Schiffbrüchige zu Tode oder schießt scharf ins Wasser, um Retter zu behindern. Die deutsche Botschaft in Niger attestiert den Flüchtlingslagern derselben Milizen „KZ-ähnliche Verhältnisse“ mit Folter, Vergewaltigung, Sklaverei, Erpressungen und Erschießungen; der Uno-Flüchtlingsrat UNHCR bestätigt das. Und dass netto mehr Menschen gerettet würden, wenn eine „Küstenwache“ die Ströme austrocknet (so die „Pull-Faktor-These“), bestreitet Sea-Watch vehement.

Den Prozentanteil Toter senkte die Entwicklung der letzten fünf Jahre mitnichten. Die absoluten Zahlen sanken zwar, der Toten-Anteil aber stieg von zwei Prozent 2016 auf 4,8 Prozent 2019. Für Museumsleiterin Eva Raabe stellt „SW5Y“ uns eine moralische Frage. In christlichen Begriffen: Wer ist mein Nächster? Wenn keine Kameras Bilder liefern und unser Blick die Not vor Malta nicht sieht, ist es, als wäre da nichts. Aber der barmherzige Samariter in Lukas 10 stand dem Opfer einer Räuberbande zwischen Afrika und Asien auch nicht nahe und brachte ihn doch zum Gasthaus, ließ ihn pflegen, opferte Geld und kam später wieder. Weniger als das ist zu wenig. Marcus Hladek

„SW5Y – FÜNF JAHRE ZIVILE SEENOTRETTUNG“. Bis 30. August im Weltkulturen Museum, Schaumainkai 37 (Weltkulturen Labor). Es gelten Abstandsregeln und Maskenpflicht (kostenlose Alltagsmaske verfügbar). Öffnungszeiten: Di-So 11-18, Mi 11-20 Uhr. Eintritt: 3 Euro.