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„Hidden in Plain Sight“ im Welkulturen-Museum

Der Titel zur neuen Ausstellung im Weltkulturen-Museum „Hidden in Plain Sight“ (Weltkulturen-Labor bis 18. Juli) bedeutet „sichtbar versteckt“ oder „verborgen an der Oberfläche“ und erinnert an eine frühe Kriminalgeschichte Edgar Allan Poes: „Der entwendete Brief“ (1845). Diese erzählt von politischer Erpressung mittels eines Briefes, den ein tückischer Minister stiehlt und gleich an Ort und Stelle unauffindbar macht. Wie Poes Detektiv Dupin sehr bald durchschaut, ist der Brief nicht eigentlich versteckt, sondern nur übersehen worden, nachdem er umgedreht, hinten irreführend adressiert und wieder offen sichtbar platziert wurde.

Wie Carlo Ginzburg in einem Essay festhielt, bescherte das zu Poes Zeiten aufkommende neue Kriminalparadigma vom Aufspüren unauffälliger Hinweise nicht nur der Kriminalistik neue Methoden (Fingerabdrücke!), sondern vielen Wissensbereichen – bis hin zur Ethnographie. Auch Julia Albrecht und Stephanie Endter, den Kuratorinnen der Ausstellung, geht es um Spurensuche in der Wissenschaft, allerdings unter dem Aspekt kolonialer Verschleierung und einer dekolonialen Vermittlungspraxis, die sie wieder auflöst.

Museen speichern, verwalten und geben Wissen weiter. Doch welches Wissen wird bewahrt und vermittelt, und von wem? Was wird ausgeklammert? Wie wirken die Kategorisierung und Beschreibung von Objekten, die aus Visuellem Sprache für die Archivkärtchen macht, an einer musealen „Ordnung der Dinge“ (Michel Foucault) mit, die unsere westliche Wahrnehmung dem Fremden überstülpt? Altern Kategorien? Sollten Ethnographen Begriffsgegensätze wie traditionell vs modern meiden? Wieviel an Wissen und kultureller Praxis taucht gar nicht erst auf?

In der Ausstellung, die als Labor-Schau mit geringeren Mitteln, aber viel Theorie-Wagemut daherkommt, führen diese Fragen direkt zu konkreten Bereichen. FrauHerr Meko etwa, eine Frankfurter Künstlerin und Sozialarbeiterin, vermisste im Kunststudium Bücher und Publizistik zu Themen, die sie als schwarze Künstlerin von „non-binärer“ Sexualität persönlich betreffen. Also trug sie aus ihrer „SichtBar“ eine Auswahl zusammen, die nun als „Mobile Bibliothek“ am Schaumainkai ganz gelassen zum Schmökern einlädt.

Von der verstorbenen Cherokee-Künstlerin Shan Goshorn sind Flechtkörbe zu sehen, die man sich zweimal und öfter anschauen muss, bis Verstehen aufdämmert. Gewoben sind sie aus Papier, im Inneren verborgen: Beschriftungen. So kombiniert sie eine lange gepflegte Kunstform mit ihrem Beitrag zu indigener Eigenständigkeit, Genozid und Rückführung von Kulturgut. Daneben läuft ein Video der Südafrikanerin Kitso Lynn Lelliott, die ihr Hauptthema, das Vernichten von Wissenssystemen, ausgesprochen sinnlich umsetzt. Michel Foucault definierte das, was auch Lelliott umtreibt, als „epistemologische“ Gewalt gegen die Basis-Codes einer jeden Kultur: Sprache, Wahrnehmungsschemata, Werte, Techniken, Praktiken.

Während die westliche Kultur in ihren Tattoos oft Vorbilder aus aller Welt integriert, zeigen die fotografisch dokumentierten Tatauierungen von Ema Tavola, wie sich die ethnische Kunstform im pazifischen Raum (Neuseeland) auf sich rückbesinnt. Verglichen damit, wird man in den Videos Joana Tischkaus eine aufmüpfige, rotzig-berlinerische Kombination von Aerobic und Konzepttanz entdecken. Sie nennt sie „Colonastics“ und lädt zum Genuss von weißen Sitzbällen aus an. Ob Mittanzen im Museum erlaubt ist?

Widerstand und Restitution lauten weitere Themen im Rahmen der Ausstellung. Dem Widerstand begegnen wir im Treppenaufgang, wo eine Zeitschiene Ordnung in die Zitate von Freiheitshelden und antikolonialen Denkern bringt, um auf die allzu lange Geschichte kolonialer Unterdrückung und Plünderung zu verweisen. 2016 etwa entfaltet Bonaventure Ndikung das „Verlernen“ ablösungsbedürftiger Fehlkonzeptionen, und ein Aborigenee-Jawayn (vom „dritten“ Geschlecht) mag 2014 so gar keine „heterozentrischen“ Missionare. Von 1676 bis 1956 reiht sich ein scharfes Verdikt gegen die teuflischen Engländer, Spanier, weißen Priester, wilden Tiere aus Frankreich und deutschen Herren ans andere. Selbst das Holz, das Wasser und den Wind würden sie (wir?) zur Arbeit zwingen, das Land der Vorfahren plündern und ganze Kulturen zertreten; was genau den historischen Tatsachen entspricht. „Ich werde sterben“, ruft 1781, just als das ferne Europa eine „Kritik der reinen Vernunft“ in den Druck gab, der arme Túpac Katari aus: „Aber ich werde zurückkommen und Millionen sein.“

Sodann die Herkunftsgeschichte von Objekten – ein lang  verschlepptes Thema. Vor kurzem, nach langem Denken und Wägen, hat sich eine Kommission aus der Staatsministerin für Kultur und Medien, den Landesministern und Museumsleitungen endgültig zu „substanziellen Rückgaben“ eines Teils der berühmten Benin-Bronzen an Nigeria und zur Kooperation durch Expertise und Mittel verpflichtet. Dem heimlichen Vorurteil, dass Korruption, Schlamperei, Bilderstürmerei oder Umwälzungen restituierte Objekte alsbald vernichten könnten, trägt die Museumsschau unter anderem mit einer „Argumente-Box“ Rechnung, die dagegenhält.

Bis 18. Juli 2021 im Weltkulturen Museum, Weltkulturen Labor, Schaumainkai 37. Derzeit wegen Covid-19-Maßnahmen geschlossen, baldige Öffnung aber möglich. Aktuelle Informationen hierzu bitte der Museums-Webseite entnehmen: https://www.weltkulturenmuseum.de/de/, Eintritt: 3 Euro. 

Marcus Hladek