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Wie bleibt man im Alter aktiv oder wird es? Die Aktionswochen Älterwerden in Frankfurt sowie der Fachtag „Würde im Alter“ bieten Antworten und Anregungen. 

„Zusammen sind wir weniger allein“ lautet die Überschrift der diesjährigen Aktionswochen „Älterwerden in Frankfurt“, die noch bis zum 2. Oktober im gesamten Stadtgebiet stattfinden. Organisiert werden sie von der Leitstelle Älterwerden im Rathaus für Senioren, das dem Frankfurter Jugend- und Sozialamt zugeordnet ist. 

Fotocredit: Pixabay

Über 170 kostenfreie Veranstaltungen 

Das Thema ist wichtig – auch und gerade, weil in der Stadt am Main gut 120.000 Menschen älter als 65 Jahre sind. Älter werden, was bedeutet das? Antworten auf diese und weitere drängende Fragen finden Interessierte während den 14-tägigen Aktionswochen in über 170 kostenfreien Veranstaltungen, Kursen, Workshops oder Vorträgen. Das Spektrum reicht von   Sportkursen wie Yoga oder Zumba, über ein Repair-Café bis hin zu Infos zur digitalen Welt. Zudem gibt es Angebote zur Gesundheitsförderung, politische Diskussionen und Kunstveranstaltungen, die im mehr als 200 Seiten starken Programmheft vorgestellt werden. Dieses ist ebenfalls kostenfrei und unter anderem in den Sozialrathäusern, Bürgerämtern, der Volkshochschule, Stadtbüchereien, in Apotheken oder auch zum Downloaden auf der Website der Stadt Frankfurt erhältlich. 

Tag der offenen Tür im Rathaus für Senioren 

Gleich am 19. September lud das Rathaus für Senioren, die zentrale Anlaufstelle für alle Fragen rund ums Älterwerden, von 9 bis 15 Uhr zu einem Tag der offenen Tür in die Hansaallee 150. An zahlreichen Infoständen, die sich über die drei Stockwerke des Hauses verteilten, konnten sich Interessierte persönlich und ausführlich über das vielfältige Service-Angebot informieren und beraten lassen und darüber hinaus auch die unterschiedlichen, hier ansässigen Fachabteilungen und -bereiche kennenlernen – etwa den Pflegestützpunkt Frankfurt, das Versicherungsamt oder die Zentrale Heimplatzvermittlung/ Soziale Hilfen für Heimbewohnerinnen und Heimbewohner. Die Betreuungsbehörde bot den Besucherinnen und Besuchern an diesem Tag als besonderes Bonbon sogar kostenfreie Beglaubigungen an.
Die ebenfalls im Rathaus für Senioren angesiedelte Leitstelle Älterwerden informierte einerseits über die Zugänge zu den vielfältigen Versorgungs- und Unterstützungssystemen der Stadt Frankfurt für die dritte Lebensphase, gleichzeitig erhielten Interessierte aber auch fundierte Antworten auf so drängende Fragen wie altersgerechtes Wohnen oder die unterschiedlichen Arten von Betreuungsangeboten, die man in der Stadt findet. 

Aktiv und mobil bis ins hohe Alter 

Zudem erhielt man einen Einblick in das vielfältige Kultur- und Freizeitangebot, das die Leitstelle ebenfalls organisiert und anbietet. Im Café Anschluss, eine Initiative des Frankfurter Verbands, das sich im Erdgeschoss des Rathauses für Senioren befindet, gab es nicht nur wie auch sonst wochentags allerhand süße und herzhafte Leckereien, Tee, Kaffee und Kaltgetränke, sondern die Besucherinnen und Besucher hatten hier auch die Gelegenheit, unter anderem mit Mitgliedern des Seniorenbeirats oder den ehrenamtlichen Sozialbezirksvorsteher: innen ins Gespräch kommen. Sprechstunden zu Hör-, Seh- und Gedächtnisverlust im Alter rundeten das Angebot ab. Im Außenbereich des Rathauses für Senioren drehte sich beim Arbeitskreis Mobilität alles darum, wie man diese erhalten kann. Dazu kamen die Besucher: innen mit den Expert:innen des RMV, des ADAC Hessen-Thüringen sowie der Verkehrswacht Frankfurt ins Gespräch.
Offiziell eröffnet wurden die Aktionswochen am Nachmittag des 19. September, von Sozialdezernentin Elke Voitl (Die Grünen) im Kino CineStar Metropolis am Eschenheimer Tor mit dem Film „Und wenn wir alle zusammenziehen?“ von Stéphane Robelin. Im Anschluss konnten die Zuschauer: innen mit Stadträtin Voitl, der Vorsitzenden des Seniorenbeirats, Dr. Renate Sterzel, sowie der ehrenamtlichen Stadträtin Anna Grundel über den Film ins Gespräch kommen. 

Wie lässt sich in Würde altern?

Der erste Fachtag des Frankfurter Programms „Würde im Alter“ fand im Rahmen der Aktionswochen am 21. September, dem Welt-Alzheimertag, im Stadthaus in der neuen Frankfurter Altstadt statt. Er stand unter dem Motto „Wie geht’s der Psyche? Auch im Alter genau hinsehen“.
Über das Frankfurter Programm „Würde im Alter“ fördert die Stadt aktuell mehr als 30 Projekte aus den Bereichen der stationären und ambulanten Altenhilfe. Einen passenderen Ort für die Veranstaltung hätte man sich kaum aussuchen können, denn ebenso wie die Stadt ihrerzeit das Thema Neugestaltung der Frankfurter Altstadt nach dem Abriss des Technischen Rathauses mutig interpretierte und gestaltete, ging es im zweiten Teil des Fachtags beim ersten Frankfurter Open Space – zwar in anderem Kontext und doch sehr ähnlich – ebenfalls darum, gemeinsam Zukunftsweisendes zu entwickeln und das große Thema Älterwerden neu zu denken und positive Perspektiven auf diesen Lebensabschnitt zu geben, um auch älteren Bürger: innen ganz selbstverständlich Teilhabe zu ermöglichen.

Demenz und Depression

Doch zunächst gab Prof. Dr. Johannes Pantel, der Leiter des Arbeitsbereichs Altersmedizin am Institut für Allgemeinmedizin an der Frankfurter Goethe-Universität, mit seinem Vortrag „Jenseits der Demenz“ einen Überblick über psychische Krankheiten im Alter und welche Herausforderungen diese für jeden und jede Einzelne, Angehörige, Pflegeeinrichtungen, aber auch die Stadtgesellschaft darstellen. Denn schließlich, so machte er deutlich, litten 1,8 Millionen Menschen in Deutschland an Demenz, in Altenpflegeheimen seien dies bis zu 70 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner. Die zweithäufigste psychiatrische Erkrankung nach Demenz bei älteren Menschen seien Depressionen; etwa 30 Prozent der Heimbewohnenden seien betroffen – und doch, so der Altersmediziner, seien psychische Erkrankungen noch immer ein Stigma in der Gesellschaft.
Ein Auslöser und bedeutender Risikofaktor sei vor allem auch die soziale Isolation älterer Menschen. Wegen der somatoformen Beschwerden (Appetitlosigkeit, Schlafstörungen, Antriebslosigkeit, Libidoverlust, vegetative und kognitive Störungen etc.) blieben diese allerdings oftmals unerkannt, so der Experte, da körperliche Erkrankungen die Symptomatik überlagern können. Daher erhielten nur 40 Prozent eine ärztliche Diagnose, lediglich 50 Prozent davon eine zumeist pharmakologische Therapie, Psychotherapie finde im Pflegeheim kaum statt, berichtete Professor Pantel. Dies stelle ein eklatantes Versorgungsdefizit dar, was jedoch nicht an den Mitarbeitenden liege, sondern überwiegend an fehlenden Strukturen, um Betroffenen eine adäquate Versorgung zu bieten. Das gelte auch bei Demenz-Erkrankten.
Mit dem Praxisforschungsprojekt DAVOS (Depression im Altenpflegeheim Erkennen – Handeln – Vorsorgen), dem ersten Projekt dieser Art in Deutschland, an dem zehn Altenpflegeeinrichtungen des Frankfurter Verbands wie der Agaplesion Markus Diakonie in Frankfurt am Main teilnehmen, soll die medizinische, psychotherapeutische und pflegerische Versorgung der Bewohnenden verbessert werden. Dies sei in Hinblick auf den demografischen Wandel eine vordringliche Aufgabe, so Professor Patel, auch, um keinen „kalten Krieg der Generationen“ zu führen und die Solidarität zwischen Jung und Alt zu erhalten – eine Anspielung auf seine jüngste Publikation mit dem gleichen Titel.

Die Rückkehr von Traumata im Alter

Die Psychoanalytikerin und Psychologische Psychotherapeutin Christiane Schrader, die auch Mitinhaberin des Instituts für Alterspsychotherapie und Angewandte Gerontologie ist, beschäftigte sich gleich im Anschluss in ihrem Vortrag mit Traumen, Retraumatisierungen und Traumareaktivierung im Alter. „Jetzt kommt das alles wieder zurück, die Bilder, die Angst, als ob es gestern war“, so die Überschrift. Sie betonte ebenso wie zuvor Professor Pantel, dass der Großteil der Patientinnen und Patienten wegen körperlicher Beschwerden: Bluthochdruck, Schlafstörungen, Depressionen in die Praxen kämen.
Neue und alte Traumen nähmen im Alter zu, so Schrader, ebenso wie die psychobiologische Verletzlichkeit, was Traumen begünstige. Als Grund nannte Christiane Schrader, dass die Zukunft abnehme und man sich daher vermehrt nach Innen und in die Vergangenheit wende, weil die Abwehrfunktionen instabiler würden – dies habe auch somatische Gründe und weil alternde Menschen vermehrt in Situationen gerieten, die triggern können, auch weil sie wieder abhängiger von anderen Menschen seien, was Erinnerungen an die Kindheit und die damalige Abhängigkeit hochbringe. Als weitere Erklärung, weswegen „die alten Bilder“ hochkommen, nannte Christiane Schader den Wunsch, etwas zu Ende zu bringen und für sich zu klären. Doch auch Geräusche oder Bilder könnten Auslöser sein und dafür sorgen, dass einen die Erinnerungen einholten, sie verwies auf den Ukraine-Krieg als Beispiel für einen Auslöser in jüngster Vergangenheit. Die reaktivierten Traumata könnten im Verlaufe eine Therapie im Alter jedoch gut bearbeitet und schließlich bewältigt werden, so Schrader, die ihre Ausführung mit zahlreichen Praxisbeispielen lebendig gestaltete. 

Open Space: Raum für Ideen und Austausch

Der im Anschluss an die beiden Vorträge stattfindende Open Space, ermöglichte den Teilnehmenden sich direkt mit ihren eigenen Ideen und Anregungen unter dem Motto „Zukunftsweisende Zusammenarbeit der Altenhilfe in Frankfurt“ einzubringen, miteinander ins Gespräch zu kommen und zu netwerken. Dazu fanden sich 21 Themengruppen, in denen die Teilnehmenden sich mit anderen Interessierten zusammenschlossen um an der jeweiligen Fragestellung weiterzuarbeiteten. Unter anderem ging es um Wohnen im Alter, Interkulturalität und Diversität, die Verbesserung der ambulanten Versorgung, ob Altersarmut weiblich ist, Demenz, Einsamkeit, die Situation von Mitarbeitenden in pflegerischen Bereichen oder ob und wie eine zu gründende Schule oder Akademie des Alters auf diesen Lebensabschnitt vorbereiten könnte.                                        

Text: Julia Söhngen