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Die Stadt Frankfurt will aufklären und ein Netzwerk für Suizidprävention gründen

Es ist ein Thema, das den Atem stocken lässt und beklommen macht. Wohl auch deshalb ist das Sprechen über Suizid in Deutschland immer noch ein Tabu. Dabei leiden viele unter den Folgen von Selbsttötungen: Alle neun Minuten verliert jemand hierzulande einen ihm nahestehenden Menschen durch Suizid, so hält es das Nationale Suizidpräventionsprogramm fest. Überproportional hoch ist die Suizidrate bei Älteren.

Die vorliegenden Zahlen sind nur die Spitze des Eisberges, oft bleiben Suizide beim Ausstellen des Totenscheins unerkannt, sagt Dr. Thomas Götz, Leiter der Abteilung Psychiatrie am Frankfurter Amt für Gesundheit. Er plant deshalb, gemeinsam mit Rechtsmedizinern, Amtsärzten, Kliniken und anderen Beteiligten für zuverlässige Daten aus allen Altersgruppen zu sorgen, denn sie sind für die Prävention „extrem wichtig“. Noch in diesem Jahr möchte der Mediziner in Frankfurt außerdem ein kommunales Netzwerk für Suizidprävention gründen, weil „ein dringender Handlungsbedarf“ besteht.

Soziale Instabilität ist ebenso wie Armut ein hoher Risikofaktor, hält die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention fest. Der Altenheimseelsorger Winfried Hess weiß aus vielen Gesprächen mit Hochbetagten im Haus Saalburg: „Soziale Schmerzen sind so ähnlich wie körperliche Schmerzen. Für niemanden mehr wichtig zu sein, belastet Menschen sehr.“ Zwar begegnet er immer wieder Pflegeheimbewohnern, „die Ruhe und Zufriedenheit im Alter finden und in der Gegenwart mit tiefer Freude leben“. Doch das gesellschaftliche Interesse an alten Menschen beschreibt er als „wohlwollend-freundliche Gleichgültigkeit“. Dabei sind Menschen nicht nur in der Kindheit, sondern auch im Alter sehr stark auf Gemeinschaft angelegt: „Es ist das ehrliche Interesse eines anderen, das heilend wirkt.“ In seinen Gesprächen erfährt der Seelsorger von manchen Hochbetagten, dass sie gerne sterben würden: „Sie haben ihr Leben gelebt, haben keine Angst vor dem Tod und wundern sich, dass sie noch nicht gehen können“.

Anders ist es bei Menschen, die eine auswegslose Situation erleben und an Suizid denken: Sie sorgen sich beispielsweise, den eigenen Kindern zur Last zu fallen, sie sind einsam, leiden an Krankheiten, zunehmend auch an psychischen Krankheiten. Hinzukommt eine gesellschaftliche Haltung, die aufgrund eines negativen Bildes vom Alter Suizid bei Älteren eher billigt als bei jungen Menschen. So ermittelte kürzlich ein Nachrichtenmagazin per Umfrage, 55 Prozent der Befragten könnten sich im Alter aufgrund von schwerer Krankheit oder langer Pflegebedürftigkeit einen Suizid vorstellen. Mit einer Fachtagung „Suizid im Alter“ am 16. Juni will die städtische Leitstelle Älterwerden gegensteuern: „Wir möchten Sensibilität in der Gesellschaft wecken und einen Impuls in die Beratungslandschaft senden“, sagt Pia Flörsheimer, Leiterin des Teams der Leitstelle. Ziel ist es, „im entstehenden suizidalen Prozess helfend zu beraten“, damit Betroffene Auswege finden, und „Werte zu setzen, damit Ältere ihr Leben bis zum Ende genießen können“.

Susanne Schmidt-Lüer