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Inkontinenz, die mangelnde Fähigkeit, Darm- oder Blaseninhalte selbstbestimmt zu entleeren, ist in den meisten Fällen heilbar, sagt die Deutsche Kontinenz Gesellschaft.

Wer beim Husten, Niesen oder Lachen  ein paar Tropfen Urin verliert, hat eine schwache Beckenbodenmuskulatur, beispielsweise wegen Schwangerschaften, Übergewicht oder  Östrogenmangel. Krankengymnastik zur Stärkung des Beckenbodens oder das Auftragen östrogenhaltiger Salben kann  dieser sogenannten Belastungsinkontinenz wirksam entgegenwirken. Auch das Einführen eines Kontinenzbändchens, einer um die Harnröhre gelegten Netzbandschlinge, soll ungewollten Urinverlust bei Beckenbodenschwäche vermeiden helfen.

Eine überaktive Harnblase, die einen in kurzen Abständen zur Toilette eilen lässt, ist die Ursache der Dranginkontinenz. Sie lässt sich laut Deutscher Kontinenz Gesellschaft meist mit Medikamenten behandeln. Viele Betroffene leiden auch unter einer Mischform. Ist Kontinenz weder durch Beckenbodentraining noch durch Medikamente herzustellen, gibt es die Möglichkeit operativer Eingriffe, beispielsweise die Neuromodulation, eine dauerhafte elektrische Stimulierung der Blase und der Nerven, die den Schließmuskel steuern. Oder das Einspritzen des aus Schönheitsoperationen bekannten Nervengiftes Botulinum Toxin A, das dazu dient, den Schließmuskel zu beruhigen.

So breit wie die Ursachen, so unterschiedlich sind auch die einsetzbaren Maßnahmen, sagt Simone Hartmann-Eisele. Die Pflegeexpertin für Kontinenzförderung ist Patienten und Angehörige am Geriatrischen Zentrum des Heidelberger Agaplesion Bethanien Krankenhauses in der Kontinenzberatung zuständig. Am Anfang wird in einem Protokoll über die Entleerung der Blase (Miktion) festgehalten, wie viel die Betroffenen trinken und wie viel sie ausscheiden. „Unser Trinkverhalten hat einen großen Einfluss auf unser Toilettenverhalten“, sagt Hartmann-Eisele. Experten raten aber ab, aus Sorge vor ungewolltem Urinverlust zu wenig zu trinken. Denn dann konzentriere sich der Urin in der Blase und signalisiere erst recht, dass sie sich entleeren solle.

„Im Alter nimmt die Vorwarnzeit ab“, weiß Hartmann-Eisele. Wer Harndrang verspüre, müsse im nächsten Augenblick schon auf der Toilette sitzen. Doch zugleich nehmen die Beweglichkeit, die Fingerfertigkeit sowie die Sehstärke ab. Das Toilettentraining mit Krankenhauspatienten bezieht diese Umstände mit ein: „Besser ist es, früher loszugehen oder sich anzugewöhnen, alle zwei bis drei Stunden die Toilette aufzusuchen, bevor einen der Drang nach vier Stunden überwältigt“, rät die Expertin. Auch wie gut die Toilette erreichbar ist, ob Haltegriffe angebracht und die Lichtverhältnisse optimal sind, spiele eine Rolle.

Hartmann-Eisele bezieht auch die Medikamente der betroffenen Patienten in ihre Beratung mit ein. Denn entwässernde Tabletten, starke Schmerzmittel oder Psychopharmaka mit sedierender Wirkung beeinflussen die Blasenentleerung. Per Ultraschall ist in solchen Fällen eine Restharnbestimmung möglich.

Wer beispielsweise nach einem Schlaganfall aus dem Krankenhaus entlassen wird und Probleme mit der Blasenentleerung hat, braucht eine sorgfältige Beratung über die verschiedenen Hilfsmittel. Es gibt zum Beispiel Tipps zu den verschiedenen Größen und Saugstärken von Vorlagen sowie der Frage welche für Frauen und welche für Männer geeignet sind. Die Kosten für Inkontinenzhilfen übernehmen Krankenkassen, wenn sie vom Arzt verordnet sind und über Firmen, mit denen sie Versorgungsverträge haben, ausgeliefert werden. Patienten müssen sich mit zehn Prozent und maximal zehn Euro pro Monat daran beteiligen.

Männer können zum externen Harnableiten sogenannte Urinalkondome verwenden, vorausgesetzt ihre Blase entleert sich vollständig. Auch für Frauen gibt es spezielle Urinflaschen oder Urinschiffchen, wenn sie den Transfer auf die Toilette nicht mehr alleine schaffen, sagt Hartmann-Eisele. Sie können die extrem unkomfortablen Bettschüsseln ersetzen. Regelmäßige Darmspülungen gegen Verstopfungen, die auf die Blase drücken, können ebenfalls Erleichterung verschaffen. Eine letzte Option, wenn sich die Blase nicht vollständig entleert, sind Blasenverweilkatheter.

Das Agaplesion Bethanien Krankenhaus bildet seit Mitte der 90er Jahre Fachkräfte in der ambulanten und stationären Altenpflege sowie Klinikmitarbeiter in der Kontinenzberatung fort. Heime, deren Mitarbeiter lernten, den individuellen Bedarf der Bewohner genau zu analysieren, könnten viel Geld sparen, sagt Hartmann-Eisele. Experten wissen außerdem: Insbesondere für Menschen mit Demenz ist die kontinuierliche Fortbildung der Pflegekräfte unabdingbar. Denn Demenzerkrankte reagieren auf die fremde Umgebung eines Pflegeheimes oft mit Unruhe, Verwirrung und verstärkter Inkontinenz. ssl

www.kontinenzgesellschaft.de