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Historisches Museum zeigt „Kleider in Bewegung – Frauenmode seit 1850“

Erster Eindruck: Wunderschön! In solch einer Robe aus dunkelvioletter Seide, Spitze und Samt möchte ich auch einmal herumlaufen – nein: auftreten. Denn so ein Kleid ist nicht einfach ein Kleid. Es ist – und dem werden selbst heutige Modemacher zustimmen – ein Auftritt. Kleider, zumindest die der gehobenen Kreise, waren schon immer auch ein Statement. Mit ihnen wurden Stand und Status in der Gesellschaft, Besitz und Einfluss gezeigt und hervorgehoben.

Violettes Damenkostüm aus Taille und Rock, um 1888, Foto: HMF, Horst Ziegenfusz

Zweiter Eindruck: Niemals könnte ich es ertragen, solch ein Kleid anzuziehen. Wäre übrigens heute auch kaum noch möglich. Denn wer hat schon eine Zofe oder sonstige Helferin, die bereitsteht, oft mehrmals am Tag bei der aufwändigen Prozedur des An- und Auskleidens zu helfen. Und nicht zuletzt: Wer könnte es heute ertragen, seine Taille in ein Mieder schnüren zu lassen, das keinen tiefen Atemzug mehr erlaubt? Wer könnte in den schwingenden langen Röcken gehen, ohne über Säume zu stolpern, wer sich hinsetzen, wenn zuvor große Stoffmengen zur Seite geschoben werden müssen, um gerade mal auf der Vorderkante eine Stuhles oder Sessels Platz nehmen zu können?

Damenkorsett, in Form gewebt, Konfektionsobjekt um 1900, Foto: HMF, Horst Ziegenfusz

Bürgerliche Frauen – eingezwängt im Mieder

Die aktuelle Ausstellung im Historischen Museum Frankfurt „Kleider in Bewegung – Frauenmode seit 1850“ zeigt anhand eines vergleichsweise kurzen Zeitraums, was Frauen tragen mussten, durften, aber auch wollten? Die kaum mehr als 70 Jahre der Frauenkleidung, die in einem – leider – nahezu komplett schwarzen Raumkonzept präsentiert werden, zeigen weit mehr als Mode, Stoffe und Schnitte. Sie zeigen, welchen Zwängen bürgerliche Frauen jener Zeit ausgesetzt waren, wie Frauen durch ihre äußere Erscheinung selbst zum Statement wurden. Denn zu sehen sind ausschließlich bürgerliche Roben. Was Mägde, Marktfrauen, Arbeiterinnen und Bäuerinnen trugen – meist schlicht, wenig einengend und oft farblos – steht auf einem ganz anderen Blatt. Eine Schürze sucht man hier – außer in den schwarz-weißen Einspielfilmen – vergeblich.

Dennoch macht die Schau deutlich, wie sich die Kleidung veränderte und den Frauen mehr und mehr Bewegungsfreiheit ermöglichte. Einige Figurinen bilden Bewegung nach, wie etwa eine Sitzende. Grafische Projektionen an den schwarzen Wänden geben einen Eindruck von der Schwierigkeit, sich in diesen Kleidern uneingeschränkt zu bewegen.

Endlich Mäntel gegen die Kälte

Das Haus zu verlassen, war möglich, brachte aber ebenfalls Einschränkungen. So war ein Kälteschutz lange nicht ausreichend vorhanden. Eine die Schultern bedeckende Pelerine Schützt kaum. Ein „Mantelet“, das um 1900 als eine Art Zwitter zwischen Pelerine und Mantel erfunden wurde, zwang die Frauen zwar noch zu zusammengenommener Haltung, schützte aber wenigstens etwas vor Kälte. Bis dann endlich auch Mäntel die ganze Frau bedeckten – einschließlich ihrer teuren und wertvollen Kleider.

So wie Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach und nach öffentliche Räume für sich eroberten, rutschten die Säume nach oben, und die Beine der Frauen wurden sichtbar. Das enggeschnürte gesundheitsschädliche Mieder verschwand und machte Kleidern Platz, die die Körperbewegungen etwa durch schillernde Stoffe erkennbar werden ließen.

Charlestonkleid, um 1925, Foto: HMF, Horst Ziegenfusz

Aber sie trugen auch neuen Aktivitäten der Frauen wie Sport und Tanz Rechnung. Längst nicht alle Frauen strebten die totale Emanzipation der Kleidung an, indem sie etwa das männliche Attribut schlechthin – die Hose – auch für sich beanspruchten. Aber es gab sie schon: die Hose für die Frau. Und lange genug war die Hose an den Beinen einer Frau in der Öffentlichkeit Grund für Spott und sogar Verfolgung. Eine ärztliche „Bescheinigung“ etwa gibt Auskunft darüber. Darin heißt es, dass die betroffene Person für ihr psychisches Wohlbefinden darauf angewiesen sei, männliche Kleidung zu tragen, weil sie Transvestit sei. Reisekostüme zeugten übrigens ebenso von der neuen Beweglichkeit der Frau wie sackartige „Reformkleider“, die Reform sowohl körperlich und gesundheitsbezogen wie auch in geistiger Hinsicht umsetzen wollten.

Die Ausstellung ist bis zum 24. Januar im Untergeschoss des Historischen Museums zu sehen.

Lieselotte Wendl