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Das Kulturprogramm um den Tag X

Am 21. Oktober ist es so weit: Wie lange erwartet, öffnet das um ein neues Gebäude ergänzte Jüdische Museum unter neuer Adresse, Bertha-Pappenheim-Platz 1, und doch am selben Ort wie zuvor seine Pforten. Der Pappenheim-Platz entstand mit dem Neubau und heißt so als Hommage an die Frauenrechtlerin und Gründerin des Jüdischen Frauenbundes Bertha Pappenheim (1859-1936). Kulturdezernentin Ina Hartwig gab im Rahmen eines Pressetermins der Freude Ausdruck, dass das erneuerte Jüdische Museum je nach Sichtweise das Museumsufer in den Norden fortsetze und die Vision einer neuen Frankfurter Kulturmeile an den Wallanlagen stifte.

Der Weg vom alten Rothschild-Palais als engem Museums-Solitär zum doppelt so großen Museumskomplex mit potenzierten Möglichkeiten fühlte sich so lang an, dass die Zeit der Museumsschließung mit einer Serie von Pop-Up-Projekten überbrückt wurde, die immer mal aus dem Stadtboden schossen. Das jüngste fand dieser Tage (25. bis 29. August) im „Bus der Zukunft“ von Shai Hoffmann statt, der einen originalen 1970er-Jahre-Doppeldeckerbus tagsüber je zehn Stunden lang an wechselnden Orten parkte: Rossmarkt, Diesterwegplatz, Hauptwache, Bornheim-Mitte, Bockenheimer Warte. Neben Shai Hoffmann stellten sich Mitarbeiter vom Jüdischen Museum für Gespräche mit Bürgerinnen und Passanten zur Verfügung.

Seit Hoffmann den „Bus der Zukunft“ 2017 zum ersten Mal auf Reisen schickte, war seine Motivation stets dieselbe, wie er im Museum äußerte. Als Teil einer jungen Generation habe ihn der „total vergiftete“ Diskurs der sozialen Medien im Internet über politische Themen so verdrossen, dass er nach Wegen suchte, ihr Gift abzulassen und herauszufinden, wieso manche Leute so extrem denken, wie sie es tun. Vielleicht stimmte ja nur seine Wahrnehmung nicht? In dem Fall wollte er eben „proaktiv meine Filterblase zum Platzen bringen“.

Sein Ansatz: In die Dörfer und Städte unter die oft hasserfüllten Stimmen fahren, ganz direkt die Frage stellen: „In welcher Gesellschaft wollen Sie leben?“, um dann zuzuhören. Das Credo der seitherigen Busse sei also bedingungsloses Zuhören, was zur Folge hatte, dass sich die Leute wunderten, nicht unterbrochen und als Rassisten bezichtigt zu werden. So schaffe er einen sicheren Raum, in dem überraschende Dinge passierten, etwa dass sich frühe Briefwähler weinend für ihre AfD-Stimme entschuldigten, nachdem sie zuletzt Hoffmanns Bericht über die Ermordung seiner Familie gelauscht hatten, oder sich auf Flüchtlingsspeisen wie Falafel einließen. Seine „Jüdischkeit“ spiele meist indessen keine große Rolle, zumal er zwar „ein jüdisches Gefühl mittrage“, aber nicht orthodox gläubig sei.

Ist der „Bus in die Zukunft“ bereits abgefahren, so ist es um Michel Friedmans Gesprächsreihe „Denken ohne Geländer“ und die Imagekampagne „Wir sind jetzt“ anders bestellt. Überdies bringt das Jüdische Museum rechtzeitig zur Neueröffnung die ersten 350.000 Objekte seiner Dauerausstellung als Online-Sammlung auf den Weg, die als dritte Säule neben Kommunikation (soziale Medien) und digitaler Vermittlung das Herzstück der digitalen Museums-Präsenz darstellt. Neben der wissenschaftlichen Erfassung von Exponaten steht das Sammeln und Erzählen dazugehöriger Geschichten.

Bei „Denken ohne Geländer“, so benannt nach einem Wort der jüdischen Denkerin Hannah Arendt, werden nacheinander der Schauspieler Ulrich Matthes (16. September), die Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (9. November) und Susan Neiman, Leiterin des Potsdamer Einstein-Forums (26. Januar), zu Gast sein. Ihre Themen lauten „Hoffnung“, „Hass“ und „das Böse“. An Themen und Besetzung knobelten Museumsleiterin Mirjam Wenzel und Michel Friedman seit mehr als einem Jahr, doch reicht die Vorgeschichte sogar bis in die 1980er Jahre zurück, als Friedman, damals im Vorstand der Jüdischen Gemeinde und Stadtverordneter, mit OB Walter Wallmann, Ignatz Bubis und Helmut Kohl über ein Jüdisches Museum in Deutschland und Frankfurt diskutierte. Wie könnte eine kleine Schar Überlebender und ihrer Nachkommen auf das allgegenwärtige Wegschauen, Verdrängen und Mitläufertum der Mehrheitsgesellschaft in der NS-Zeit reagieren? Welche Akzente und welche Symbolik bräuchte ein solches Museum?

Rund 100.000 Juden im heutigen Deutschland lebten in der „Kontinuität der Ambivalenz“, die sich verschärft habe, weil „demokratisch legitimierte Rassisten, Antidemokraten und Judenhasser“ eine neue Qualität der Herausforderung darstellten. Wir befänden uns in einer Zeitenwende und müssten verspätet die Frage verhandeln, wie es in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts um die Demokratie, Vielfalt („sehr laut diejenigen, die für Einfalt plädieren“) und Menschenwürde stehe. Vor diesem Hintergrund sei das Jüdische Museum ein optimistisches Signal, nur sei seine eigene Stimmung bestenfalls „skeptisch-optimistisch“, so Friedman. Immerhin stehe das Motto „Denken ohne Geländer“ für eine freimütige Streitkultur der Ecken und Kanten, für die wir uns „etwas mehr anstrengen“ müssten, um ein aufgeklärtes „Herausschälen von Dissens“ zu ermöglichen, das zuletzt Kompromisse erlaube. So wie Shaia Hoffmann bei aller Offenheit sage, zu bekennenden „Reichsbürgern“ seien einfach keine Brücken zu schlagen, sage Friedman: „Zu Herrn Höcke und Kalbitz (beide AfD) gibt es keine Brücken als Demokrat; als Mensch ist das eine andere Thematik. Politisch befinden sich diese Leute nicht mehr am Rand des politischen Spektrums, sondern außerhalb des Randes.“ Millionen von AfD-Wählern Protestwähler zu nennen, gehe nicht an. „Der Zustand ist nicht mehr gut. Er ist schlechter, aggressiver, antidemokratischer, verletzender und enthemmter geworden.“ Wie Oskar Schindler in viel schwierigeren Verhältnissen gehandelt und Tausende Juden gerettet habe, dürfe man eine Lage, in der „die, die eine andere Gesellschaft wollen, so nah dran sind“, nicht akzeptieren.

Wie nahegerückt die Eröffnung des Jüdischen Museums ist, wird schließlich durch die großangelegte Imagekampagne „Wir sind jetzt“ augenfällig werden, die dieser Tage anfängt und ihren Akzent auf die gegenwärtige Relevanz der Museumsarbeit legt. Werbeflächen und digitale Medien werden gleichermaßen genutzt. Digitale Statements finden etwa von Eintracht-Präsident Peter Fischer, Oberbürgermeister Peter Feldmann, Cem Özdemir (Grüne) und der Moderatorin Bärbel Schäfer Verbreitung. Durch Bilder präsent zeigen sich lebende und historische Persönlichkeiten wie Anne Frank und ihre Schwester Margot, der Maler Moritz Daniel Oppenheim, Sophie von Rothschild, die Musikerin Joy Denalane, die Schriftstellerin Mirna Funk und der Schauspieler Wolfram Koch.

                                                                                     Marcus Hladek